#Ausklang2020

2020 ist anders verlaufen, als wir es in vielerlei Hinsicht gedacht haben. Freunde treffen auf Distanz, Quarantäne und geschlossene Kultureinrichtungen. Am Neujahrstag möchten wir euch unsere ganz persönlichen musikalischen Highlights des Pandemiejahres präsentieren. Mit Songs, Alben, Konzerten oder Künstlern sagen wir tschüss 2020 und blicken optimistisch ins neue Jahr 2021. terzwerk wünscht ein gutes neues Jahr und viel Freude beim Entdecken!

Durch Raum und Zeit

Das Jahr: Zeitraum von zwölf Monaten und 365 oder 366 Tagen = eine Sonnenumdrehung der Erde – so die Definition im Duden. Mehr ist es nicht. Oder doch? Ohne Jahr keine Zeit. Und ohne Zeit keine Erlebnisse und Erfahrungen. Also brauchen wir das Jahr doch. Momentan sind wahrscheinlich viele von uns froh, dass es stirbt, um es mit Erich Kästners Worten zu sagen. Er hat über jeden Monat des Jahres ein passendes Gedicht verfasst und vom paradiesischen 13. Monat geträumt. Doch der hätte auch 2020 für etliche Menschen das meiste nur verschlimmbessert.

Meine größte Entdeckung des Jahres ist auf jeden Fall Fanny Hensels Klavierzyklus „Das Jahr“. Wie Kästner charakterisierte auch sie jeden Monat, nur musikalisch. Die Sammlung entsteht 1841, nachdem sie mit ihrem Mann von ihrer einjährigen Italienreise nach Deutschland zurückkehrte. Neben Porträts der einzelnen Monate fließen auch Eindrücke ihrer Reise und aus ihrem Umfeld mit ein. Hoffen wir, dass das neue Jahr nicht so düster beginnt wie Fannys Januar, sondern im August wie bei Kästner wieder unbeschwerten Duft von Minze und Kamille verströmt; oder im Oktober bunte und blumenschöne Bäume leuchten lässt. Ob aktuelle Prognosen aus den Nachrichten oder Kästners Worte, die Nachricht bleibt die gleiche: Silvester hörte man’s auf allen Sendern, dass sich auch unterm Himmel manches ändern, und, außer uns, viel besser werden soll.

(jr)

Krieg der Viren

2020 war freilich ein seltsames Jahr, von dem wir uns an Neujahr gerne verabschieden. Aber es war auch ein Jahr, in dem ich – in der extrem privilegierten Situation, in der ich mich befinde – viel Zeit hatte zu lesen, Filme zu schauen, Musik zu hören. Unter anderem erwachte durch diese Zeit eine alte, verloren geglaubte Liebe zu neuem Leben – eine Liebe, der ich im Alter von sieben, acht, neun, zehn Jahren nurmehr in Form von Stickeralben und Musik-CDs frönen durfte, weil meinen Eltern die zugehörigen Filme als zu brutal erschienen (was sie, so gesehen, für ein Kind dieses Alters auch sind). Doch sie schlummerte nur und war nicht abhandengekommen, worüber ich mich rückblickend sehr freue – die Rede ist von Star Wars, von allen Filmen, Charakteren, seltsamen inhaltlichen Wendungen, süßen Droiden, X-Wings und anderen trashigen Raumschiffen, vor allem aber der Musik.

Der Komponist John Williams dirigierte zu Beginn dieses Jahres, als das noch erlaubt war, die Wiener Philharmoniker in einem fantastischen Konzert im Musikverein – und als Zugabe taktierte er, auf Wunsch des Orchesters, den „Imperial March“. Seiner eigenen Aussage zufolge war das „die beste Interpretation, die ich je gehört habe“ – und sie begleitete mich in verschiedenen Kontexten das ganze Jahr über. Vielleicht beruhigte mich die Vorstellung, dass es theoretisch schlimmeres gibt, als monatelang in der eigenen Wohnung zu sitzen und nur wenig Tageslicht zu sehen. Möge die Macht mit 2021 sein – hoffen wir es!

(hannah)

Selbstfindung im Delirium

Ein Song, der dieses verrückte Jahr für mich etwas heller gemacht hat, ist Californian Soil von London Grammar. Aus mehreren guten Gründen: Erstens, weil Musik von dem britischen Indie-Trio und die gefühlvolle, beeindruckende Stimme von Hannah Reid in jeder Situation wohltuend ist. Vor allem, wenn es sich dabei um neue Musik handelt. Außerdem ist dieser Song die zweite Singleauskopplung aus dem für Februar 2021 angekündigten, neuen Album der Band. Fast vier Jahre mussten Fans des atmosphärischen Indie-Pops auf neue Musik warten. Die Veröffentlichung von Californian Soil im Oktober macht Lust auf mehr. Damit zu drittens: Der Song ist für mich in verschiedener Hinsicht ein Hoffnungsträger.

Die Band selbst schreibt dazu bei Instagram: „It’s about many different things, but mainly it’s about finding yourself. Being lost in chaos and coming out on the other side.”
Eine Situation, die wir gerade in diesem Jahr ganz besonders gut kennen. Unsere Welt versinkt scheinbar im Chaos, weil ein kleines Virus viele unserer ursprünglich geschmiedeten Pläne zunichtemacht und wir durch Kontaktbeschränkungen dazu gezwungen sind, uns wieder auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren. Für manche mag sich das wie ein Schlag gegen den eigenen Lebensplan anfühlen. Doch genau hier setzt Californian Soil an. Vielleicht liegen wir gerade am Boden, aber das bringt auch neue Möglichkeiten mit sich. Wir können uns selbst wiederfinden, Neues planen und beginnen. Ein Funken Hoffnung, den wir für 2021 gut gebrauchen können.

(ms)

Nirgendwo

Nach nun schon fast 2 Semestern Home-Office sind wir wohl alle zu Experten geworden, was Motivation oder den Mangel an Motivation betrifft. Für mich kommt und geht sie in Wellenform. Manchmal wird mein Tag mit so vielen Ideen überflutet, dass jede Minute eigene 24 Stunden benötigt. Manchmal ist mein Tag so bedeutungsleer, dass er sogar sein Datum verliert: Ein Nichts zwischen Gestern und Heute.

Egal, ob mich das „Zuviel“ oder das „Zuwenig“ überfordert, ich habe einen relativ sicheren Ort gefunden, um in den Gezeiten zu existieren: Nirgendwo
Einfach Kopfhörer aufsetzen, die Tür schließen und gehen. Wohin spielt dabei keine Rolle. Wenn du nach Nirgendwo gehen möchtest, ist es egal welchen Weg du wählst. Hauptsache weg.

Eines der Lieder, das mich vor allem in der letzten Zeit auf vielen dieser Ausflüge meist in Dauerschleife begleitet hat: Brilliance von Cathedral & Philip Daniel. Ein Stück, was mich in allen drei Versionen, Original, Klavier und Streichquartett, Luft holen lässt und alles ein wenig besser macht.

(ln)

High Hopes

Dieses Jahr war für mich und viele andere ein Auf und Ab. Als Studienanfänger könnte der Kontrast zwischen Euphorie und Enttäuschung nicht größer sein. Allerdings kann ich mich dabei nicht über Langeweile beschweren: Abitur, Eignungsprüfung, Ferien, Studium. Das ganze Jahr lang hat mir die Musik Halt und Motivation gegeben.
In vielen Nächten beim Lernen oder einfach so war die Musik da. Das konnte mir auch kein Virus nehmen.

Bereits zu Beginn der Krise habe ich den Song „High Hopes“ von Pink Floyd für mich entdeckt. Der passende Titel hat mich durch das Jahr begleitet und ist einer meiner absoluten Lieblinge geworden. Besonders das Gitarrensolo am Ende des Songs ist mein persönliches Highlight und ein schönes Beispiel, um zu zeigen, dass Musik so viel an Emotionen ausdrücken kann, ohne Worte zu benötigen.
Somit heißt es weiterhin hoffen und mit der Musik der Langeweile oder dem Alltag entfliehen.

(dm)

Sehnsucht

2020 war das Jahr der Sehnsucht. Ganz besonders schwingt dieses Wort zu diesem besonderen Jahreswechsel mit. Sehnsucht nach seinen Freunden, nach seiner Familie oder nach der Hoffnung, einer Verbesserung in 2021.

Die französische Sängerin Pomme teilt in ihrem Lied une minute ihre Sehnsucht mit uns. Dieses zeitgenössische Chanson ist das letzte Werk, das ich 2020 entdeckt habe. Es erfasst die Gefühle, die man isoliert und allein zu diesem Jahresbeginn haben kann. Vor allem den Wunsch eine Person, die man liebt, umarmen zu können. Nur für eine Minute.

Zum ersten Mal habe ich das Lied am 30. Dezember, vor Silvester, am letzten ruhigen Abend des Jahres 2020, gehört. Zusammen mit einer Verwandten, einer Person, die ich liebe. Sie hat das Lied abgespielt. Ich wurde sofort emotional. Und es hat den Abend geprägt.
Nach und nach verging die Zeit. Im Laufe der Nacht erzählten wir uns Kindheits- und Jugenderinnerungen. Wir versanken in tiefere Gespräche, offenbarten uns. Das ist eine schöne Sehnsucht.

Dieser Abend fasst für mich 2020 zusammen. Das Jahr bot die Gelegenheit, Zeit für seine Lieben zu haben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich vielleicht selbst wiederzufinden.

une minute ist für mich das letzte Lied in 2020. So einfach, so schön, so sanft, das Lied der Erinnerung und der Sehnsucht.

(cl)

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