“ÜberLeben” in der Alten Musik

Alte Musik steht im Kontrast zur zeitgenössischen Musik. Und doch wird sie immer wieder zum Leben erweckt und findet Einzug in die Konzerthäuser unserer Städte – vor allem im Rahmen von Festivals. Dieses Format bietet Veranstaltern die Möglichkeit, Alte Musik publikumswirksam präsentieren zu können. Mit neuen Interpretationen und intermedialen Inszenierungen werden ganze Städte einmal im Jahr zur Hochburg der Alten Musik, wie zum Beispiel in Knechtsteden.

Georg Philipp Telemann – Markuspassion 1759

Alte Musik als Spiegel der Gesellschaft

Musik vergangener Tage wirft oftmals ihre Schatten in unsere Gegenwart oder gibt uns Aufschluss über zeitlos geltende gesellschaftliche Fragestellungen und Themen, die heute noch aktuell sind. Aus diesem Grund dreht sich das Festival Alte Musik Knechtsteden in diesem Jahr um das Thema „ÜberLeben“. „Gedanken über das Leben und das Überleben von Katastrophen hat es zu allen Zeiten gegeben. In der barocken Musik hat dies über Jahrtausende eine ganz große Rolle gespielt“, erläutert Hermann Max, der künstlerische Leiter des Festivals. Mit dem Eröffnungskonzert mit Ludwig van Beethovens Fünfter Symphonie (1800) sowie Joseph Ebler von Eyblers „Die vier letzten Dinge“ (1810) erfährt das Thema gleich zu Beginn eine konkrete Hervorhebung: In Eyblers Werk geht es um die Frage wer vor dem jüngsten Gericht überlebt. Beide Werke entstehen zu einer Zeit als die Aufklärung schon sehr weit fortgeschritten ist. Beethovens fünfte und Eyblers Werk verkörpern ganz unterschiedlichen Ansätze. „Beethoven lässt ein modernes Menschenideal zu Klang werden“, dem gegenüber stehen bei Eybler Zeichnungen von Menschen, die Angst vor der Hölle haben und es werden Auferstandene dargestellt: „Die Furcht vor dem Jüngsten Gericht zu landen, mag heute nicht mehr real für die meisten der gläubigen Menschen sein, aber es steht etwas Verborgenes und Verschwommenes dahinter“, so Max.

Der doppeldeutige Sinn des Wortspiels „ÜberLeben“ wird bei Betrachtung des Programms sehr deutlich: Zum Beispiel wird in der „Markuspassion“ (1759) von Georg Philipp Telemann in jedem Stück vom furchtbaren Leid Jesu Christi gesprochen, aber auch über das Leben. „Jesus musste leiden, weil man damals dachte, er sei ein Gotteslästerer. Es ist ein Spiegel der Zeit, jedoch nur ein kleiner Ausschnitt davon, da das ganze Leben nie ganz abgebildet werden kann“, begründet Max seine Auswahl. Es stellt sich hier jedoch die Frage, inwieweit Vertonungen von biblischen Passionstexten noch zeitgemäß sind und ob sie noch eine Bedeutung für das Publikum haben. Musik sollte schließlich auch immer im Geiste ihrer Zeit aufgeführt werden. Bei näherer Betrachtung Telemanns und seines Librettos ist jedoch zu erkennen, dass seine Markuspassion immer noch eine Gültigkeit in der Gegenwart hat. Laut Max wirft er dem Publikum öfters vor, sie seien genauso wie Petrus, der Jesus verraten hat: „Ich möchte hier zeigen, ihr Ungläubigen könnt ruhig an das Menschliche von Jesus glauben. Seine Leistung war eine unglaubliche, die auch heute noch Nachahmer findet“, so Max.

Hermann Max – künstlerischer Leiter des Festivals

„Die Telemansche Passion ist so aktuell“ – Hermann Max

Aktuelle Bezüge lassen sich durch Intermedialität gut in Szene setzen, da mittels medialer Brückenschläge Beziehungen zwischen den verschiedenen Ausdrucksformen hergestellt werden können. So werden im Rahmen der Markuspassion zwölf Porträts von Freiheitskämpfern gezeigt, die für die Menschenrechte im 2. Weltkrieg eingestanden sind sowie Porträts von Menschen, die für ihre Überzeugungen getötet wurden, wie Martin Luther King: „Telemann hat das Libretto selbst verfasst, er hält uns einen Spiegel vor. Er zeigt uns, ihr seid genauso wie Petrus, ihr wendet euch ab, wenn es unter Umständen darum geht einen Freund zu retten oder auch ihr seid genauso Verräter wie Jesus es erfahren hat. Die Menschen in der Ausstellung waren nicht so. Die Telemansche Passion ist so aktuell: Die Menschen sind im Dritten Reich als auch heute verraten worden“, betont Hermann Max, „Jesus dient als Beispiel und hat in seiner Menschlichkeit viele Nachahmer gefunden.“ So ist es ein Leichtes, einen Gegenwartsbezug herzustellen, man denke an den Syrienkonflikt und die damit verbundenen Denunzierungen.

Doch was bewirkt die Musik in unserer Zeit? Darauf eine Antwort zu geben, wäre wohl der falsche Ansatz: „Hin und wieder geben unsere Einführungstexte Hinweise auf aktuelle Bezüge. Die Alte Musik ist jedoch nicht dazu da, die Probleme unserer Gegenwart zu lösen. Sie kann vielleicht darauf hinweisen und zeigen, dass es Dinge, die wir heute erleben, auch vor hunderten von Jahren schon gegeben hat. Der Mensch hat sich in seinen Spielchen aus Gut und Böse in den letzten Jahrtausenden kaum verändert. Die Psyche des Menschen hat sich in der Evolution nur einen Zehntel Millimeter bewegt“, führt Max aus.

Beeinflusst uns die Zeit der Alten Musik heute noch?

Hermann Max geht es in seiner künstlerischen Arbeit vor allem darum, Menschen mit der Musik zum Nachdenken anzuregen. Die Wahrnehmung der Alten Musik in der Gesellschaft sei laut Max aus Unkundigkeit sehr gering. Ein Ansatzpunkt sei auf Schulen zuzugehen und gemeinsame Projekte anzustoßen. So könne man Schülerinnen und Schüler spielerisch für die Musik interessieren. Eine Studie des Max-Planck-Instituts hat belegt, dass der Musikgeschmack sich verändert, je mehr man sich mit der Musik auseinandersetzt. Gerade das Junge Festival bietet also eine gute Plattform, um junge Menschen abzuholen und mit viel Witz und Spaß an die Alte Musik heranzuführen.

Das junge Festival

Das Junge Festival bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit sich in Workshops spielerisch mit Alter Musik auseinanderzusetzen. In diesem Jahr zum Beispiel beschäftigen sich Grundschüler mit Beethovens Fünfter.

Junges Festival 2015

 

Das, was uns bewegt, die Emotionen, wird in der Musik wiedergegeben. „Das ist das Ziel und das kommt auch bei den Jugendlichen am besten an. Diesen Anspruch stelle ich auch an unsere Arbeit“, schließt Hermann Max.

Fotos und Musik © Alte Musik Knechtsteden