Ungarisch macht süchtig

Die Dortmunder Philharmoniker haben am Abend der Elbphilharmonie-Eröffnung auch ein Konzert gegeben – und zwar mit ausschließlich ungarischer Musik.
Foto: Anneliese Schürer

„heimat_klänge“ haben die Dortmunder Philharmoniker ihr viertes philharmonisches Konzert genannt, ein Titel, der Erwartungen schürt: vielleicht Musik, die in jedem Konzertbesucher „heimatliche“ Gefühle hervorruft, woraus die auch immer bestehen mögen. Oder Musik, die vielen Konzertbesuchern vertraut ist, aus welchen Gründen auch immer. Doch sie füllten den Abend mit ausschließlich ungarischer Musik, Musik, deren Niederschriften in den Stürmen der Geschichte des Landes zu großen Teilen vernichtet wurden. Über viele ältere Musik aus Ungarn gibt es fast keine Aufzeichnungen. Hinzu kommt, dass auch heute noch Werke wie Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ selten im Konzert gespielt werden.

Frigyes Hidas‘ erstes Oboenkonzert kannte so nicht einmal Solo-Oboist Albrecht Mayer von den Berliner Philharmonikern, bevor er es sich für das Konzert wünschte. Wessen „Heimat“ sollte in dem Konzert hier also „klingen“? Weder die Albrecht Mayers offenbar, noch die von Gastdirigent John Axelrod, der sich als Amerikaner versteht und in Italien arbeitet. Vier Werke von ungarischen Komponisten wurden gespielt, neben Bartók und Hidas Zoltán Kodálys „Tänze aus Galanta“ und Franz Liszts „Ungarische Rhapsodie“.

Frigyes Hidas‘ Oboenkonzert ist ein kurzweiliges, rhythmisches, zwischenzeitlich unordentlich anmutendes Stück Musik. Zugrunde liegt eine große Orchestrierung, ein transparenter und abwechslungsreicher Klang: viel Schlagzeug, viele Registerwechsel, viele rhythmische Spielereien. Über all diesem ungestüm wogenden und manches Mal solistisch in verschmitzte Klangfarben aufbrechenden Orchestergeschehen schweben die für Oboisten laut Mayer wunderschön zu spielenden, tanzenden Melodielinien.

Fokus auf Präzision

Albrecht Mayer und Dirigent John Axelrod schienen sich gut zu verstehen. Im Solokonzert malte Mayer die Oboentänze förmlich in die Luft, wandte sich zum Ende seiner Soli Axelrod zu, um mit ihm, quasi von Angesicht zu Angesicht, die jeweiligen Schlusswendungen zu gestalten. Axelrod legte seinen Fokus bei dieser Musik vor allem auf Präzision, dirigierte mit großer vertikaler Geste und ruppigen Bewegungen. Das Ziel sichtbar: diese Musik von ungarischen Komponisten so rhythmisch wie möglich klingen zu lassen. Im Oboenkonzert, das auch im Orchester viel aus manchmal kurzen, sich windenden und sich unvorhersehbar schlängelnden Linien und Melodie-Ideen besteht, funktionierte das gut – beide Ästhetiken glichen sich sozusagen aus. Kodálys Tänze gerieten unter dieser Leitung jedoch etwas hastig und linienlos, klangen mehr wie viele kleine nebeneinander aufgereihte musikalische Ideen-Bausteine, das Folgen war schwer. Dagegen passte Axelrods zackiger Duktus wiederum gut zu dem Bartók-Konzert: Er nahm es zügig und artikuliert, die Philharmoniker spielten das virtuose Stück dynamisch präzise, klanglich durchsichtig und vielfarbig.

Der typische punktierte ungarische Rhythmus, die kantigen Betonungen, die trockene, energetische Lebendigkeit der Musik bleiben, sie machen sogar ein bisschen süchtig. Das Programm löste bei vielen Besuchern wohl keine „heimatlichen“ Gefühle aus, aber das sollte es auch nicht. „heimat_klänge“ meinte vielleicht eher: So könnte für die Komponisten das geklungen haben, was sie als ihre „Heimat“ verstanden, jeder für sich. Der Brennpunkt dabei ist Ungarn, das trotz und vielleicht auch wegen seiner wilden Geschichte in seiner Musik eine unverwechselbare Klanglichkeit entwickelt hat.

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.