Tribute to Lenny

„Lauda, lauda, laude; di da di day“- auf den ersten Blick klingt das wie ein einfaches Kinderlied. Diese Worte aus Leonard Bernsteins Musikstück Mass zeigen, dass es nicht immer großer komplizierter Werke bedarf, um Emotionen in ihrem Kern zu erfassen. Oft reicht eine schlichte Melodie mit einfachem Text, wenn sie, wie von Thomas Hampson, voller Ausdruck vorgetragen wird.

Thomas Hampson (Foto: © Kristin Höbermann)

Der Bariton widmet sein Konzert in der Philharmonie Essen Leonard Bernstein, welcher in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Dieses Jubiläum ist aber nicht der alleinige Grund für ein Programm mit Liedern des Komponisten, Dirigenten und Pianisten. Thomas Hampson wurde von Bernstein gefördert und arbeitete viele Jahre mit ihm zusammen. Der Liederabend ist seine ganz persönliche Hommage an den Komponisten.

Und wie passt Mahler dazu? Ganz einfach: Bernstein fragte den Bariton anfangs „was er sonst noch so könne“. Hampson sang ihm daraufhin ein Kunstlied von Gustav Mahler vor und Bernstein war begeistert. Aus dieser Begebenheit entwickelte sich eine gemeinsame Auseinandersetzung mit Mahlers Liedern. Insgesamt interpretiert Thomas Hampson an diesem Abend ein Lied auf einen Text von Richard Leander und sieben Lieder aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn, deren Texte auch von Komponisten wie Schumann und Brahms vertont wurden. Vordergründig beschreiben sie Alltagssituationen – ein Mädchen wartet auf den Geliebten, ein Kind fleht seine Mutter um Brot an. Doch die Geschichten gehen nicht gut aus: Das Mädchen stirbt vor Trauer und das Kind ist schon verhungert, als das Brot endlich gebacken ist. Diese Melancholie und die Hoffnung nach einem besseren Leben im Himmel sind die prägenden Themen der Wunderhorn-Lieder, die Mahler durch teils neue Überschriften noch stärker akzentuiert hat.

Thomas Hampson arbeitet die Facetten der Musik ausdrucksstark heraus. In Erinnerung, das als einziges Lied nicht aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn stammt, erinnert sich das lyrische Ich an seine Geliebte. Hampsons Blick verklärt sich, weltentrückt wiegt er den Kopf, während seine Stimme wie von unsichtbaren Wellen getragen durch den Raum flutet. Kurz darauf wirft er energisch den Kopf herum, um der Euphorie des in den Mai ziehenden Soldaten in Aus! Aus! einen übermütigen Ausdruck zu verleihen. Viele der Lieder beinhalten einen Dialog von zwei Charakteren, die zwischen Aufbruch und Verlassen werden schwanken. Hampson verdeutlicht diese Kontraste, bringt sie in fließenden Übergängen aber auch in einen sinngebenden, übergeordneten Zusammenhang. Seine Stimme bildet eine Einheit mit dem Spiel des Pianisten Wolfram Rieger, der die Stimmung des lyrischen Ichs einfühlsam fortspinnt oder ihr vorweggreift. Vom unheilvollen Gedankengrollen bis zur lieblichen, glockenähnlichen Himmelsmusik zeichnet er zusammen mit Hampsons aristokratischer, aber gleichzeitig warmer und einnehmender Stimme, einfühlsame Seelenbilder. Jeder Ton, jede Pause halten den Spannungsbogen bis zur himmlischen Erlösung in Urlicht, in dem das lyrische Ich der Qual der irdischen Welt in den Himmel entflieht.

Bernsteins Lieder sind weniger melancholisch, aber nicht minder stark an Ausdruck. Sie stecken sprachlich wie musikalisch voller Witz, aber auch voller Lebensweisheit. Die ihnen zugrundeliegenden Texte stammen teilweise – wie in The Love of my Life aus Arias and Barcarolles – von Bernstein selbst. Der Titel dieses Zyklus ist eigentlich Nonsense – Arien und Barkarolen sucht man vergebens. Vielmehr gehe dieser Name auf eine bestimmte Begebenheit zurück, erklärt Hampson. Bernstein war auf der Suche nach einem Titel für seinen Zyklus, als ihm der damalige US-Präsident Eisenhower nach einem Konzert mitteilte, ihm gefalle das letzte von Bernstein gespielte Stück, weil es ein Thema habe. Er würde vor allem Musik mit musikalischen Themen mögen, nicht immer nur Arien und Barcarollen. Anekdoten erzählt der Bariton an diesem Abend viele und zeigt dadurch seine tiefe Verbundenheit zu Leonard Bernstein als Musiker und als Mensch, die aus jedem von ihm gesungenen Ton klingt. Bernstein sei voller Liebe gewesen, sagt Hampson, was sich auch in seinen Kompositionen widerspiegele. Und gerade deshalb werde er in der heutigen Zeit, in der gegenseitige Liebe, Toleranz und Wertschätzung Mangelware zu sein scheinen, so schmerzlich vermisst.

Hampson schließt den Abend mit I go on, das wie das erste von Bernsteins Stücken aus Mass stammt. Das vorher noch so überzeugt und in sich ruhend gesungene „Lauda, lauda, laude“ klingt nun verhaltener und in sich gekehrter, bis es schließlich leise verklingt und Hampson „Lennys Geist durch die Tür verabschiedet“.