Taumel der Lust

150628_Operngala©B.Kirschbaum_07

Obwohl die Uraufführung im Jahre 1847 ein Reinfall war, gilt Guiseppe Verdis Macbeth als das Werk, mit dem der Komponist endlich zu seinem ganz eigenen Stil fand. Seine Verarbeitung der berühmten Shakespeare-Tragödie zeichnete einen Neuanfang nach den von ihm bezeichneten »Galeerenjahren«, in denen er Opern am laufenden Band schrieb und trotzdem immer wieder längere finanzielle Durststrecken durchleben musste.

Die Klangvokal-Operngala im Westfalenpark Dortmund hat sich mit dem Preludio aus Verdis Macbeth demnach einen perfekten Einstieg geschenkt, anstatt sich lange mit dem ewig gleichen »m-ta-ta« aufzuhalten. So hieß es für die Besucher gleich zu Beginn: Abtauchen in das große Meer der Gefühle! Und ungeachtet dessen, dass das Parkambiente inklusive Bier und Bratwurst mehr an Sommerfest als an Opernbesuch erinnerte, konnte man den herzzerreißenden Tönen des Macduff nicht widerstehen: »O figli, o figli miei! da quel tiranno tutti uccisi voi foste« – »O Kinder, meine Kinder! Der Tyrann hat euch alle umgebracht«, verkündete der New Yorker Tenor Charles Castronovo mit einer samtenen und emotionsreichen Stimme.

Foto: B. Kirschbaum

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Unglücklicherweise war zu diesem Zeitpunkt die Lautstärke für die Besucher auf den günstigeren Plätzen noch wesentlich zu leise, die vor allem das WDR Funkhausorchester auf einen undefinierbaren Klangteppich reduzierte. Doch spätestens mit dem schwungvollen Ballett aus Verdis Shakespeare-Oper kam mit walzergestütztem Schunkeln das Gala-Feeling auch auf den weit von der Bühne entfernten Wiesenplätzen an.

Vor der Pause dann auch die ersten Bravo-Rufe, denn Sopranistin Maria Agresta bekam mit È strano aus La Traviata ihren ersten großen Auftritt. Violetta, die sich dem Taumel der Lust nicht hinzugeben wagt, singt mit glühender Seele von der weltbewegenden Liebe. Und dieses Glühen vermochte die Italienerin trotz einsetzendem Nieselregen beim Publikum ebenfalls zu entfachen. Bravi, bravi.

Foto: B.Kirschbaum

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Entertainer des Abends war Moderator Daniel Finkernagel, der auch gerne etwas weiter ausholte um ein Stück einzuleiten. So erzählte er von der Körperbehaarung der Neandertaler, welche auf die urzeitliche Kommunikation zu reagieren pflegte. Musik wie Puccinis La Bohème entspräche den vergessenen Urlauten und führe deswegen oft zu Gänsehaut. Na dann mal her damit.

Tatsächlich war das abschließende Zwiegespräch zwischen Mimì und Rodolfo aus dem Finale von La Bohème eine Streichelpartie fürs Gemüt. Auch wenn das Zusammenspiel zwischen Maria Agresta und Charles Castronovo nicht wackelfrei war und die Sopranistin neben dem charmanten Tenor eher zurückhaltend wirkte, präsentierten beide ihre Rollen mit größter Empathie und Seelenschmerz: »Amor! Amor! Amor!« Hach.

Und am Ende – natürlich – das musikalisch umrahmte Feuerwerk. Das durfte zur Freude der Picknick-Fans endlich wieder stattfinden, nachdem die Operngala in den letzten drei Jahren aufgrund von schlechter Witterung ins Konzerthaus verlegt werden musste. Auch wenn die Knallerei das WDR Funkhausorchester beinahe übertönte, passte der feierlich erleuchtete Himmel zum generellen Sinnestaumel. Krabumm, pfieeu, oooh!!

Foto: B.Kirschbaum

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