Tante Kermes zu Besuch

Ein Konzertabend mit Simone Kermes ist wie ein Treffen mit der eigenen Tante aus Kindheitstagen  im allerbesten Sinne. Tante Kermes ist mit Schmuck beladen, verpackt in extravaganten Tüll und (Vorsicht: Kindheitstrauma!) sie drückt dich diesen Sekundenbruchteil zu liebevoll an die Brust. Vollends ausgewachsen, vermisst man diese vermeintlich unangenehme Verwandte, weil sie einfach die beste Geschichtenerzählerin bleibt.

Gottlob! Simone Kermes ist die geborene Geschichtenerzählerin. Sechsundzwanzig Lieder singt sie am Donnerstag im Orchesterzentrum NRW in Dortmund anlässlich des Musikfestivals Klangvokal. Die Stückauswahl ist dramaturgisch verdammt riskant – Henry Purcells „Now the night“ neben Gaetano Donizettis „Amor marinaro“ neben Franz Schuberts „Erlkönig“. Hätte Kermes nur Barock geschmettert oder Belcanto geträllert, hätte das Gourmetpublikum gekreischt beim Häppchenschmaus. Zum Glück will sie mehr.

An das chronische Tonschleifen bei großen Intervallen muss man sich bei Kermes gewöhnen, oben angekommen reizt sie die Melodie bis zur Überspannung aus…, und erst dann lässt sie los. Da ist er, dieser typische Kitschmoment! Nur Kermes raved dazu, als sei es House-Musik oder RnB und für sie fühlt es sich wohl tatsächlich so an. Sie hat dabei einen derart naiven Duktus, dass die Endorphine überspringen. Tada! Schon ist der Kitsch durch Ehrlichkeit bezwungen.

Dummerweise klebt in Dortmund ihr Klavierbegleiter Riccardo Rocca an seinen Notenblättern fest, ruiniert dem Publikum zu oft den Spaß an ihren Grenzgängen. Dazu kommt, dass er insgesamt eher durch die vierhundert Jahre Liedgeschichte trampelt, als ihr den Teppich auszurollen: laut, einengend und plump. Kermes tuschelt vom Leid im „Lied der Mignon“ von Franz Schubert, Rocca plappert unbedarft dazwischen. Gioachino Rossinis „Canzonetta spagnuola“ lebt vom Rhythmus, der zur Stimmakrobatik anstichelt. Der Pianist verpennt: Takt kaputt!

Doch auch das kann Tantchen Kermes nichts anhaben. Ihre Stimme ist wie ein Stempel, der jedes Stück leicht schwärzt, aber nicht ganz unkenntlich macht. Der Prozess ist nicht „Kermes singt ein Lied“, sondern das „Lied benutzt Kermes um zu überleben“. Schuberts „Erlkönig“ transformiert zur Minioper, verkörpert durch eine Simone Kermes, die von unschuldig rein bis verdorben böse eine Palette auffächert, von dem die meisten Theaterensembles bis in alle Zeit träumen werden. Fast schon multischizophren blubbert und krakeelt Kermes die Quint- und Tritonifälle in John Eccles „Restless in thought“, dass einem der Mund offen stehen bleibt. Ihr Vibrato flackert winzig, bei Tonwechseln gluckst ihr Kehlkopf in die nächste Note. Das klingt entweder spaßig naiv oder verzehrend abgründig, vor allem aber unfassbar leidenschaftlich. Sapperlot!

Simone Kermes singt „Restless in thought“ von John Eccles. Hier mit anderer Begleitung…

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