Seelenschmerz

 

Bei ihrem Liederabend im Konzerthaus Dortmund haben René Pape und Camillo Radicke am Freitag Lieder vorgetragen, die aus unterschiedlichen Epochen stammen und auf den ersten Blick nur wenige Gemeinsamkeiten haben.

 

Das Programm bestand aus Liedern in deutscher, tschechischer, englischer und russischer Sprache.  Konkret: Beethoven, Dvořák, Quilter und Mussorgsky. Was die Lieder eint, ist die Melancholie, dasselbe atmosphärische Timbre. So war eine Zusammenstellung entstanden, die trotz der Unterschiede als rundes Ganzes wirkte.

Antonín Dvořáks Vater und sein Förderer Hans von Bülow waren gerade verstorben, als er 1894 begann, die „Biblischen Lieder“ zu komponieren. Dazu wählte er Psalmentexte einer alten tschechischen Bibelübersetzung aus, die sich im emotionalen Spannungsfeld von Anklage und Flehen sowie Lob und Gottesglaube befinden.

René Pape blühte bei diesen „Biblischen Liedern“ auf . Jeder einzelne Muskel im Gesicht war aktiv und voller Energie. Der Bassist nutzte diese Energie  und übertrug sie auf seinen Gesang und seine Körpersprache. Er wirkte lebendig, authentisch und differenzierte musikalisch fein. Dasselbe gilt für die Lieder des englischen Komponisten Roger Quilter. Die auf Shakespeare-Gedichten basierenden Stücke erinnern in Farbe und Wort ein wenig an den Wanderer aus Franz Schuberts  „Winterreise“. Verklärt stellte René Pape die Frage „Where are you roaming?“ („Wohin wanderst du?“).

„Dunkel und Schweigen
Ob eurer Ruhestatt, feiernden Reigen
Tanze und stampfe den Boden so fest
Dass eurer keiner sein Grab je verlässt.“

Auf diesen Text endet Mussorgskys Komposition „Der Feldherr“ (deutsche Übersetzung von Hans Schmidt nach dem russischen Original von Arseni Golenischtschew-Kutusow). Sie steht am Ende des Liederabends und hinterlässt ein tristes Moment – so wie die meisten vorangegangen Lieder. Es ist der Schlusspunkt einer Reihe von Leid geprägten Liedern.
Pape und Radicke geben anschließend „Zueignung“ von Richard Strauss als Zugabe. Zwar spielt Leiden auch hier eine Rolle, doch nicht in jenem tief betrübten Sinn. Im Original steht diese Komposition „Für Hohe Stimme“ in C-Dur, Pape und Radicke transponierten das Lied in eine für Bass angenehme Tonart.
Der Abend endet schließlich mit „L’Ultima Canzone“ von Francesco Tosti, einem „letzten Lied“ aus dem romantischen Zeitalter mit italienischem Schmelz à la Puccini. Das Publikum ist begeistert, doch in diesem Fall wäre eine der Stimmung und dem Charakter des Hauptprogramms angepasste Zugabe angemessener gewesen.

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