Pappmaché im Paradies

Bei Adam und Eva war noch alles gut. In unbekannter Zukunft ist das Paradies aber eine weit entfernte Erinnerung. Die Menschen kommen in weißen Schutzanzügen auf die Erde zurück, schauen was sie in der Welt angerichtet haben. Sie wandern im Staub, klettern auf karge zerklüftete Felsformationen und zwischen Pappmaché-Ruinen. Das ist die Kulisse für Joseph Haydns »Schöpfung« bei der Ruhrtriennale.

In the land of drought

In the land of drought

Die wird an diesem Abend unter der Leitung von René Jacobs aufgeführt, mit dem „Collegium Vocale Gent“ und dem „B’Rock Orchestra“. Hinter ihnen ist in der riesigen Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg Nord eine Leinwand aufgebaut. Darauf läuft simultan zu Haydns Oratorium ein Film von Julian Rosefeldt, der die Schöpfungsgeschichte nicht etwa kitschig verklärt. Nein, die Bilder sind ein einziger Gegensatz zum Gesungenen und das ist auch gut so.

Natürlich könnte der Film saftig grüne, sich im Wind wiegende Gräser zeigen oder die Sonne, die erhaben am Horizont aufsteigt oder Adam und Eva, die Hand in Hand beglückt durch ihr Paradies schreiten. Doch Haydns Musik ist so lautmalerisch, da braucht man keine Bilderfluten.

1796 beginnt der 64-jährige Haydn zu komponieren. Nach dem Vorbild Händelscher Oratorien, mit seinen großen Chorbesetzungen und dem Libretto, das seinen Ursprung im ersten Buch Genesis, dem Buch der Psalmen und John Miltons Genesis-Epos „Paradise Lost“ hat, will er unvergesslich werden. Und das gelingt ihm auch – sein Werk feiert die Schöpfung in seiner ganzen Schönheit und Adam und Eva als Verkörperung aufklärerischer Ideale. Gott schafft sie als sein Ebenbild, legt die Verantwortung über die Welt in ihre Hände. Den Sündenfall begehen sie nicht, nur angedeutet wird er, und so fängt Julian Rosefeldts Film gewissermaßen da an, wo Haydns Werk aufhört.

Denn er zeigt eine Zukunft, in der die Menschen schon längst geflüchtet sind von der Erde, über die sie die Kontrolle verloren haben und auf die sie jetzt zurück kehren, um, so stellt sich Rosefeldt vor, „im Dreck zu wühlen“. Gedreht wurde in farblosen, staubigen Landschaften in Marokko, wo zerfallene Filmkulissen aus Pappmaché und verrotteten Gerüsten stehen. Da waren mal riesige Sphinxen und Festungen, auf denen Schlachten gekämpft wurden. Einmal benutzt und dann für immer vergessen, zerfallen sie immer weiter. Irgendwie beruhigend, dass sich die Natur zurückholt, was einmal ihr gehörte.

In the land of drought

In the land of drought

Gefilmt ist alles in Slow-Motion und aus der Vogelperspektive, die Kamera spielt mit Höhen, manchmal kann man nur langsam das Ausmaß der Dimensionen einschätzen, so wie die Menschen einst. Auch alte Industriekolosse im Ruhrgebiet wurden gefilmt, alles steht antithetisch zur besungenen glanzvollen Schöpfung. Adam und Eva sieht man nie, nur streunende Hunde. Das alles stellt die Musik in den Vordergrund, aufmerksam findet man ständig neue Gegensätze.

Doch wie die Musik interpretiert wird, das passt. René Jacobs leitet das „B’Rock Orchestra“ und das „Collegium Vocale Gent“ mit Präzision, akzentuiert, immer nach vorne treibend, auch da keine Spur von Kitsch – jedes Instrument, jede Stimme, behält einen individuellen Klang. Der Bassist Johannes Weisser ist ein Charmeur: mit seinem warmen Vibrato, seiner kernigen, aber beweglichen Stimme, besingt er Eva (Sophie Karthäuser), die sich auf das Spiel einlässt. Naiv lächelnd besingt sie ihr Glück und jede Verzierung unglaublich präzise und leichtfüßig aus. Tenor Maximilian Schmitt als Engel Uriel singt lyrisch, man ahnt aber, dass mehr in ihm steckt.

Der Mensch hat seine Chance also vertan, naja fast. Denn es gibt noch Hoffnung, zumindest ein bisschen! Im letzten Chorsatz stehen plötzlich Sängerinnen zwischen den Stuhlreihen der Zuschauer auf. „Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit!“ singen sie mit dem Chor. Auf der Leinwand schließen sich die weiß gekleideten Menschen zu einem Kreis. Zusammen könnte man es noch einmal versuchen, das mit der Verantwortung.

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