Das Chaos bezwingen

Zu Beginn der Vorstellung wirkt die Bühne wie ein gigantischer, unaufgeräumter Dachboden: Ein Ort voller verlorener und vergessener Dinge – voller verlorener und vergessener Menschen. Es ist ein sehr geräumiger Dachboden, denn der Bühnenaufbau in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord erstreckt sich über volle 55 Meter Länge. Als ob das noch nicht ausreichen würde, erhebt sich hinter der Bühne eine ebenso lange Leinwand. Auf ihr soll sich bald ein erheblicher Teil von William Kentridges neuem Werk The Head & the Load abspielen. Das Licht wird gedämmt. Aus der Dunkelheit erklingt ein langgezogener Sirenenton.

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Foto: © Stella Olivier

Afrikanische Wurzeln

William Kentridge ist ein Künstler, der sich einer simplen Zuordnung entzieht. Er inszeniert Opern und Theaterstücke, er zeichnet und erschafft Skulpturen, schreibt Bücher und produziert Filme. All seine Werke umkreisen dabei ein Thema, das in Deutschland selten diskutiert und noch seltener als relevant empfunden wird: die Zeit der Kolonialherrschaft. So sind die Performer, die sich auf der Bühne wiederfinden, Stellvertreter für die fast zwei Millionen Opfer, die der erste Weltkrieg in Afrika forderte. Menschen, denen Kentridge eine Stimme zu geben versucht.

Und was für eine Stimme es ist: Texte unterschiedlichster Autoren und Quellen werden in elf Sprachen zusammengeschnitten, überlagert, gegeneinandergesetzt und in dadaistischer Tradition auseinandergebrochen. Worte werden zu Wortfetzen, werden zu Musik. Sie drücken die Sprachlosigkeit aus, die Barrieren, das Groteske. Sie berichten von Schmerz und Leid, von Ambitionen und unerfüllten Hoffnungen. Das internationale Team von Sängerinnen und Sängern glänzt mit vokaler Vielfalt. Stimmen werden zu Sirenen, zu Gewehrsalven. Sie schreien und kratzen, sie singen und sprechen, schwellen zu einem Chor an und brechen wieder auseinander. Sie erzählen die Geschichte eines Kriegsschauplatzes, dessen Existenz nur wenigen Europäern bewusst sein dürfte.

Die wichtigsten Sätze flimmern über die Leinwand. Diese wirkt gleichzeitig als Projektionsfläche für die Tänzerinnen und Tänzer des Werkes. Ihre Körper sind wachsende und wieder schrumpfende Schattenspiele vor einem Hintergrund von Karten und Truppenbewegungen, Tuschezeichnungen und historischen Filmaufnahmen. Manche ihrer Tänze lassen die Tribüne vibrieren und stampfen die Rhythmen in die Knochen der Zuschauer. Es sind neunzig Minuten angefüllt mit nahezu ununterbrochener Bewegung, an verschiedensten Orten zugleich. Meist weiß man nicht, wo man zuerst hinsehen und hören soll. Kentridges neues Werk ist ein Frontalangriff auf alle Sinne, der dem Publikum einiges abverlangt.

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Foto: © Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2018

Über die Kunst, die scheinbare Unlogik zuzulassen, und auf den Zusammenklang zu hören

Mitunter wagt sich das Stück bedrohlich nahe an den Rand des Chaos. Dass es diesem nicht anheim fällt, ist nicht zuletzt der Musik von Philip Miller und Thuthuka Sibisi zu verdanken. Ihre in Zusammenarbeit mit Kentridge entstandenen Kompositionen bilden den Rahmen für die drei Akte des Stückes. Die Musik vermag zusammenzubringen, was zunächst nur nebeneinander geworfen scheint, und ordnet sich dabei weder unter, noch bei. Sie folgt dem Collageprinzip, das sich durch die ganze Aufführung zieht, und zitiert dafür aus der europäischen Musikgeschichte. So erklingt Schönbergs Der Nachtwandler zu rezitierten Sätzen über das Marschieren und Saties Je Te Veux zu Tuschezeichnungen von Vögeln, die im Anschluss mit Einschusslöchern übersäht werden. Geläufige Melodien werden genommen und in ihrer Bedeutung verändert, neu zusammengesetzt, in die Atonalität gestoßen und wieder daraus zurückgeholt. Afrikanische Chants, Kriegslieder und Gesänge verweben sich mit vertrauter Musik, definieren Bekanntes neu.

Für die Musiker der Orchesterformation The Knights dürfte die ständige Bewegung auf der Bühne eine nicht unerhebliche Herausforderung dargestellt haben. Der Name Knights steht laut Programmbeschreibung sinnbildlich für das Ziel, stets etwas Mutiges und Wahres in der Musik zu finden. Hier musizieren die aus New York stammenden Streicher, Bläser und Percussionisten gemeinsam, jedoch räumlich oft getrennt. Sie werden auf einer Plattform über die Bühne gezogen, aus großen Kisten ausgepackt und anschließend wieder hineingestopft. Sie schließen sich Prozessionen an und werden so Teil einer lebendigen Installation. Ihre Musik nimmt in die Pflicht, macht es unmöglich, sich dem Geschehen auf der Bühne zu entziehen.

Foto: © Urusla Kaufmann/Ruhrtriennale 2018

Zum Ende des dritten Aktes entsteht ein wenig Unruhe im Publikum – Seufzer, geflüsterte Worte, ein kurzes Hin- und Herrutschen auf dem Stuhl. Ist es die brütende Wärme in der Halle, die Ausführlichkeit des Stückes, die Unerbittlichkeit der Bilder und Klänge? Über die Leinwand flimmern Namen mit Nummern und Todesursachen. Malaria. Typhus. Hitzeschlag. Ibrahim, der Selbstmord begangen hat. Und plötzlich ist es vorbei. Die auf diesen Sinnessturm folgende Stille ist unerwartet, atemlos, fragend. Dann erhebt sich das Publikum zu einem Applaus, der alle Darsteller mehrfach über die kompletten 55 Meter Bühne treibt. Dass sie sich dabei auch ein wenig selbst feiern, ist wohlverdient.

Die komplette Aufführung kann noch bis zum 12. August auf der Ruhrtriennale besucht und bis zum 24. August kostenlos unter https://www.1418now.org.uk/news/watch-online-william-kentridges-the-head-the-load/ angesehen werden.

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Beitragsbild: © Stella Olivier