Verpufft

Orchestermusiker lassen Hämmer auf die Metallgeländer der Jahrhunderthalle Bochum krachen. Zum metallenen Klirren grollen Elektro-Klänge und der vorher so unscheinbare Diener schreit von Wagner ausgedachte Revolutions-Phrasen in ein Megafon.

Foto: Michael Kneffel

Bei der Ruhrtriennale deutet Regisseur Johan Simons Richard Wagners „Rheingold“ um. Aus dem Vorabend zum „Ring des Nibelungen“, dem Urmythos um die Erschaffung der Welt, dem Anfang vom Ende, will er die Geschichte des Ruhrgebiets machen. Er will von der Industrialisierung erzählen, die in die Natur einbricht, wie Arbeiter ausgebeutet werden und schließlich die Mächtigen stürzen. Mit Dirigent Teodor Currentzis soll die Partitur aufgebrochen werden – was hat Urheberschaft heute noch zu bedeuten? Der Regisseur kündigt das als „Wagnis am klassischen Werk“ an und vermengt elektronische Klänge von Mika Vainio mit revolutionären Texten.

Mit dem „Rheingold“ weiht Wagner am 13. August 1876 die ersten Bayreuther Festspiele ein. Die Idee hinter dem „Ring des Nibelungen“ geistert aber schon länger in seinem Kopf, aufgehitzt von den Revolten um 1848 in Europa. Der Komponist kämpft während des Mai-Aufstandes 1849 in Dresden auf den Barrikaden, gegen die Ausbeutung durch eine herrschende Klasse. Wagner als Revolutionär, der Tradition aufbrechen will. Bei der Ruhrtriennale möchte man auf diesen Zug aufspringen, doch man springt daneben. Groß werden die Elektro-Klänge des finnischen Musikers Mika Vainio angekündigt und die damit einhergehende Aufbrechung des Werkes. Natürlich, da gibt es eine Zäsur zwischen zweiter und dritter Szene – mit Hammergeklirr, Megafon und elektronischem Klangteppich – aber in Dialog tritt sie nicht, steht isoliert. Das Rheingold bleibt ganz, die Partitur wie das Libretto. Kein Wagnis, keine Revolution in Sicht.

Wagner erfindet im „Rheingold“ die Rolle des Orchesters neu. Einst musste es das Geschehen auf der Bühne in Musik übersetzen, jetzt kreiert es eine weitere Ebene, das Orchester kommentiert, schaut in die Zukunft und weiß manchmal mehr als die Figuren. Passend dazu verschwinden die Musiker bei Simons Inszenierung nicht in einem Graben, sondern sitzen mitten im Bühnengeschehen, gehören dazu. Unglaublich, was Teodor Currentzis aus ihnen herauskitzeln kann. Wenn MusicAeterna eins nicht ist, dann routiniert. Die Musiker sitzen gespannt auf ihren Stühlen, sind unfassbar steigerungsfähig. In einem Moment säuseln die Geigen romantisch, im anderen poltern, fast beängstigend, die Blechbläser in Richtung des Publikums.

Hinter ihnen ragt Wallhall als große weiße Villafassade auf, eingebaut in ein Gerüst, auf denen sich die Darsteller bewegen. Unter dem Orchester fließt der Rhein: aus dem kohlegeschwärzten Wasser ragen Schutt, Steine und Bruchstücke einer Stuckdecke, an der falsch herum ein Kronleuchter „hängt“. Überbleibsel einer Zeit, die auf den Kopf gestellt wurde. Im Wasser kriecht der lüsterne Alberich (Leigh Melrose) herum, mit Gummistiefeln und grünem Angleranzug und versucht eine der Rheintöchter (Dorrotya Láng, Jurgita Adamontyè, Anna Patalong) zu ergattern, er muss aber mit Gummipuppen vorlieb nehmen. Das alles wirkt so authentisch, so wendig und verspielt gesungen (auch Mika Kares als Wotan beeindruckt) und das fast durchweg. Einzig der listige Feuergott Loge (Peter Bronder) versucht mit viel Vibrato und Dramatik zu kaschieren, was seine Stimme nicht mehr kann. Bei anderen Figuren funktioniert die Karikatur: Freia (Agneta Eichenholz), die von den Riesen Fafner (Peter Lorbert) und Fasolt (Frank van Hove) entführt wird, weil sie von Wotan nicht für ihre Arbeit bezahlt wurden, wird fremdbestimmt an einer Leine herumgezerrt.

Solche Parallelen zur Arbeiterausbeutung versteht man, zur Industrialisierung, vielleicht auch zur Geschichte des Ruhrgebiets. Doch Wagner erzählt diese Geschichte nicht, wie behauptet wird, die Thematik ist austauschbar.
Es endet mit brachialen Blechbläsern, das Orchester steht auf, der letzte Ton erklingt und der Raum wird dunkel. Große Gesten, Schall und Rauch. Letztendlich aber leere Versprechen mit guter Musik.

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