Und wer’s nie gekonnt?

Foto: Stephan Rabold

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Voraussehen konnte man es nicht. Dass Simon Rattle gegen Ende seiner Amtszeit bei den Berliner Philharmonikern noch einmal einen Beethovenzyklus aufführen würde, der mit den beiden maßgeblichen und denkbar gegensätzlichsten Versionen des jungen Jahrtausends von Paavo Järvi und Christian Thielemann nicht nur mithalten kann, sondern tatsächlich noch einen neuen Weg beschreitet, einen zutiefst philosophischen – das ist eine schöne Überraschung. Hatten die Apologeten des „deutschen“ Klangs ihm nicht immer wieder unterstellt, er könne mit Beethoven nichts anfangen? An fünf aufeinanderfolgenden Abenden hat er solche Einwände jetzt endgültig entkräftet.

Wie wichtig ist überhaupt der Dirigent für den Klang eines Orchesters? In den großen Klangkörpern der Welt, sei es Berlin, London, Wien oder New York, sitzen Musiker, die oft Plattenverträge als Solokünstler haben und sehr wohl in der Lage sind, auch ohne Dirigenten zusammenzuspielen. Wie unterschiedlich aber ein Orchester unter verschiedenen Leitern klingt, versteht man schnell, wenn man einmal den Kopfsatz Beethovens Dritter Symphonie von den Wiener Philharmonikern unter Simon Rattle und Christian Thielemann miteinander vergleicht. Hier kernig vorwärtsdrängene Streicher, dort weit ausströmende Schwelgerei – man glaubt es kaum, aber beide Aufnahmen sind nur acht Jahre auseinander:

Nun hat ein Beethovenzyklus der Berliner Philharmoniker immer die Aura eines historischen Ereignisses.

Während Wilhelm Furtwängler mit den Berlinern nur einzelne Beethovensymphonien aufgeführt hat, deren Aufnahmen trotz ihrer Archaik heute immer noch faszinieren, hat sein Nachfolger Herbert von Karajan den Zyklus aller Neune zur Chefsache gemacht. Legendär sind seine Filme aus den Achtzigerjahren: kein Publikum, die Gesichter der Musiker meist verschwommen, der vom Alter gezeichnete Maestro dirigiert mit geschlossenen Augen… Karajan interessierte einzig der glühend legatoselige Mischklang, den die Berliner auch heute noch zustande bringen können.

Der Italiener Claudio Abbado leitete das Orchester 1989 bis 2002. Er reduzierte für seinen Beethovenzyklus den Streicherapparat, kümmerte sich um Durchhörbarkeit und Strenge der Tempi und öffnete das Orchester für die Errungenschaften der auf Originalklang abzielenden historischen Aufführungspraxis.

Man hätte nun denken können, dass der ebenfalls originalklanggeschulte Simon Rattle diesen Weg weiterverfolgt. Aber bereits nach dem ersten Konzert war klar, dass sein Beethoven ein anderer ist. Die Streicher stockt er wieder deutlich auf, vor allem die Kontrabässe. Zwar positioniert er erstmals die ersten und zweiten Geigen gegenübersitzend statt nebeneinander. Allerdings geschieht solche Individualisierung nicht aus dogmatischen Gründen. Sie ist Konzept: Die Spaltung des Klangs ist nötig, um die Musik zum Sprechen zu bringen. Und das tut sie bei Rattle wie – man darf es wohl sagen – bei keinem sonst. Im orgiastischen Finale der Siebten, das man gewaltiger, ja gewalttätiger noch nicht gehört hat, entwickelt sich zu Beginn der Coda ein regelrechtes Gemetzel zwischen den gleich stark besetzten ersten und zweiten Geigen. Über den tiefen Streichern werfen sie sich ein Überleitungsthema wüst an den Kopf bis die Passage völlig konsequent in jenem berühmten und oft forciert klingenden Fortefortissimo-Ausbruch gipfelt. In Rattles Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern von 2003 klingt das noch sehr viel zahmer (7:12 bis zum Schluss).

Das ist der Zauber: Beethoven so zu dirigieren, als sei noch nichts entschieden

Dann wieder gibt es die zarten Flirts von Flöte und Oboe in der „Szene am Bach“ der Pastorale (also der Sechsten) oder hier auch die liebkosenden Sekundreibungen der Holzbläser in der Durchführung. In solchen Momenten macht Rattle einen Schritt zurück als wollte er die Zeit anhalten, drosselt das Tempo, wechselt ins fragilste Pianissimo. Das plötzlich mit A-Dur hereinbrechende, dreimal wiederholte Fagotthema blendet er mithilfe der einsetzenden Bratschen und Celli sanft ab und nimmt ihm so alle Plumpheit. Schon der Anfang dieses Satzes war ein Wunder: vibratolos, mit gedämpften Streichern. Rattle braucht solche Anfänge, um dann langsam, von Einzelgestalt zu Einzelgestalt tastend einen Sog aufzubauen. Er dirigiert von unten nach oben, setzt beim Schüchternen an, beim Individuum und treibt es über sich hinaus in die Totale. Anders als etwa bei Christian Thielemann und den Wiener Philharmonikern klingt diese Anstrengung bei Rattle nicht exaltiert. Und anders als bei Paavo Järvi und der brillanten Kammerphilharmonie Bremen schnurrt hier nichts einfach ab. Das Formganze wird nicht durch metronomgenaues Durchschlagen der Musik von außen übergestülpt, sondern entwickelt sich bruchhaft und widerspruchsvoll gerade aus der Verschiedenheit ihrer Bestandteile. Das ist der Zauber von Rattles Symphonienzyklus: Beethoven so zu dirigieren, als sei noch nichts entschieden.

Das alles zeigt, dass Rattle seinen Beethoven von Mahler her denkt. So gelingen ihm dann auch diejenigen Symphonien wirklich großartig, die jenem zweiten Wiener Komponisten besonders nahe stehen – die Dritte und die Sechste. Auch die Neunte mit der zur Europahymne gewordenen „Ode an die Freude“, die spätestens seit ihrem Erklingen in den Konzentrationslagern der Nazis unerträglich geworden ist, kann man vielleicht nur retten, indem man sie so zum Bersten bringt, dass ihre ganze mahlerisch-affirmative Vehemenz sich selbst kritisiert. Genau das tat Rattle, mit scharf angerissenen Pizzicati im Scherzo und Final-Tuttilärm, gegen den anzukommen die routinierten Solisten Annette Dasch, Eva Vogel, Christian Elsner und Dimitry Ivaschenko Mühe hatten.

„Alle Menschen werden Brüder“ – man möchte es hoffen angesichts der Flüchtlingskrise. Rattles Beethovenzyklus fragt, in was für einer Gesellschaft genau das möglich wäre.