Oase im Nirgendwo

Eine dicke Nebelwand, die scheinbar ins Nichts führt. Kleingruppen machen sich auf den Weg ins Ungewisse. Sie verschwinden bald im Dunkel einer großen Industriehalle, der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord. Nach wenigen Metern sieht man nur noch Silhouetten. Selber mitten im Nebel tastet man sich vorsichtig den Weg nach vorne. Vor einer Schleuse kurzes Warten, dann verlässt man den undurchsichtigen Weg und tritt in eine offene, große Halle.
Holzbänke stehen vermeintlich ungeordnet im Raum. Dann wird es still und die Musik kann den Raum nach und nach für sich einnehmen. Die Szenerie erinnert an einen Gottesdienst.

Luigi Nonos letztes großes Werk „Prometeo“ ist als „Tragedia dell’ascolto“ überschrieben, als „Tragödie des Hörens“ und zählt zur Gattung des Musiktheaters. Eine eigentliche theatralische Handlung mit Bühnengeschehen gibt es allerdings nicht, nicht mal eine Bühne. Dafür gibt es knapp zweieinhalb Stunden Musik – ohne Pause. Einzig die Musik will die Geschichte erzählen, mithilfe eines Chors, fünf Solisten und zwei Sprechern. Die Texte erzeugen nur Atmosphäre und bleiben unverständlich. Ob es wirklich um Prometheus geht, ist nicht herauszuhören. Welche Geschichte man hört ist also ziemlich individuell, abhängig von persönlichen Erlebnissen und der Fantasie eines jeden Einzelnen. Nono will mit seinem Werk „das Ohr aufwecken, die Augen des menschlichen Denkens“.

Foto: Wonge Bergmann

Welche positive Kraft dieser Satz hat, in Zeiten von Einheitsgedudel aus dem Radio und andauernder Fahrstuhlmusikbeschallung, fällt einem erst auf, wenn man wirklich mal wieder die Ohren öffnen muss. Nono zwingt uns dazu durch vier im Raum verteilte Orchester, die, durch ebenfalls im Raum verteilte Lautsprecher, verstärkt oder verändert werden. Dazu kommen noch einzelne Instrumentalsolisten und Live-Elektronik. Wo genau der Klang gerade erzeugt wird, bleibt so oft unhörbar. Vor allem bei den leisen Stellen, wenn die Musik direkt hinter einem aus einem Lautsprecher kommt, bleibt Zeit zum Suchen nach dem passenden Musiker zum gerade Gehörten. Aber nicht alle Musiker sind für den Zuschauer sichtbar, sodass die Musik oft aus dem Nichts erklingt.

Man verliert sich irgendwann in der Masse der Zuschauer. Durch den Nebeltunnel ist eine Herde Menschen gekommen, die jetzt sitzend in der Kraftzentrale in Duisburg umherirrt. Als Zuschauer weiß man nicht, woran man seinen Blick haften soll. Gedanken verflüchtigen sich und dass der Sitznachbar gerade das gleiche empfindet – trotz gleicher Eindrücke – ist nicht anzunehmen.
Die Musik umschlingt die Zuhörer. Mal mystisch-meditativ, mal aufschreckend-schrill bewegt sie sich im Raum. Irgendwann kommt die Musik für eine lange Zeit wirklich zur Ruhe und wabert vor sich hin. Ein nordlichtgewordener Klang durchströmt den Raum, ganz allmählich bewegt er sich, ändert seine (Klang)farben und lässt das letzte bisschen Zeitgefühl im Zuschauer erstarren. Dazu die kargen Beton- und Stahlwände der alten Industriehalle. Diese Zeitausdehnung durch Musik, steht im Kontrast zu unserer hektischen Twitter-, Snapchat- und Facebookgesellschaft.

Foto: Wonge Bergmann

Man merkt aber auch, wie genau diese Medien uns mittlerweile beherrschen. Immer öfter sieht man ein Smartphone aufleuchten. Die Intervalle zwischen jedem Aufleuchten werden immer kürzer, dafür bleiben die Bildschirme immer länger an. In einer greller werdenden Welt ist Nonos „Prometeo“ eine Oase, in die man sich zurückziehen möchte. Die Musik nimmt sich so viel Zeit zum Erzählen, dass jeder seine kleine Geschichte darin finden kann. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem die Gedanken automatisch von der Musik weg, in eine Fantasiewelt führen. Die Gedanken lassen sich nicht mehr rational einfangen und gehen die Wege, die sie ab und zu gehen müssen, damit wir Menschen bleiben können, in einer Welt voller Möglichkeiten und Entscheidungen.

Und als nach knapp zweieinhalb Stunden der letzte Ton verklungen ist, werden die Smartphones nicht nur vorsichtig herausgeholt, sondern Fotos und Videos gemacht. Anstatt den Raum, das Erlebnis und die so erholsame Ruhe einzuatmen, wird versucht, alles digital einzufangen. Der Abend lässt sich aber nicht in ein paar Momentaufnahmen festhalten. Er wirkt nur als Ganzes.

„Prometeo“ ist bei der Ruhrtriennale noch am 11., 12. und 13.09. zu erleben.

Am kommenden Dienstag sprechen Jonas Zerweck, Malte Hemmerich und Samuel Binder-Köhrer zwischen 18 und 19 Uhr bei terzwerk auf eldoradio* über die Aufführung von „Prometeo“ bei der Ruhrtriennale.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *