„Oh, you want too much!“

Der große Gatsby an der Dresdener Semperoper

Semperoper Dresden, The Great Gatsby, Premiere 6. Dezember 2015

Foto: Daniel Koch, Semperoper

Man macht es viel zu selten: Sich auf eine Opernpremiere freuen. So wie an diesem zweiten Adventssonntag in der ausverkauften Semperoper Dresden auf The Great Gatsby. Keine Neuinszenierung, wovon jedes kommunale Musiktheater, das etwas auf sich hält, pro Spielzeit ein halbes Dutzend anbietet. Keine Premiere, bei der es zuvorderst um eine gewagte Regie, innovatives Bühnenbild oder die Zusammensetzung des Sängerensembles geht. Sondern wie jeden Donnerstag, wenn in deutschen Kinos die neuen Filme anlaufen: auf ein neues Werk, mit neuer Musik. Und zwar Musik, die Spaß macht wie Blockbuster- und Popcornkino. Einmal nicht die oft faszinierende Herausforderung des intellektuellen zeitgenössischen Kleinkunstrahmens suchen. Sondern die großen Gefühle. Die Hollywood-Liga. Schwelgen, eintauchen, sich treiben lassen. Wofür man am Ende des Tages so oft in Don Giovanni, Tristan oder Tosca sitzt. Nur ohne schon zu wissen, was als nächstes passiert, was man als nächstes hört.

 

Und das große Panorama bekommt man geboten: Publikum in feinster Abendgarderobe, wie man es nicht mehr oft zu sehen bekommt. Ein überbordendes, knallbuntes Bühnenbild, das einen bei offenem Vorhang empfängt. Volles Orchester samt Tanzkapellenbesetzung. Neben hervorragenden Solisten mit ausgreifenden Arien zwei fulminante Chorszenen anlässlich der rauschenden Sommerfeste Gatsbys. Eine Melange aus zeitgenössischer Oper und 1920er-Jahre-Schlager. Großes Melodrama, großer Eklat. Am Ende drei Tote: Myrtle von einem überdimensionierten Oldtimerrad überrollt, Gatsby in einem noch grotesker vergrößerten Champagnerglas erschossen, von Myrtles Mann George, bevor dieser sich selber richtet. Der Rest der Bagage? Unglücklich und desillusioniert. But – show must go on.

Eigentlich gäbe es hierzulande reichlich Gelegenheit für solche Abende. Deutschland ist der mit Abstand größte Opernmarkt der Welt. Hier gibt es jährlich über 7.000 Aufführungen. Doppelt so viele als in Russland und den USA zusammen, den beiden nächstgrößeren Märkten. Zwar führt das Deutsche Musikinformationszentrum keine Oper, die nach 1945 komponiert wurde, unter den 30 meistgegeben Werken der vergangenen 10 Jahre. Doch Uraufführungen gibt es ungebrochen reichlich, ein jedes Jahr über 50 allein auf deutschen Bühnen. Das sind doppelt so viele wie an Musicals neu herauskommen. Und ein gutes Dutzend deutscher oder gar europäischer Erstaufführungen finden obendrein statt, wie an diesem Abend in Dresden in diesem Haus mit der herrlichen Akustik die Europapremiere der revidierten Fassung von John Harbisons The Great Gatsby, 1999 als Auftragswerk der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt. Bar aller Musealisierung des Repertoires: Oper lebt. Nur dass das Nichtfachpublikum es selten mitbekommt.

The Great Gatsby bietet beste Voraussetzungen für einen solchen Blockbusterabend: Als die letzte Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds berühmtem gleichnamigem 1920er Jahre Roman (1925) mit Leonard DiCaprio 2013 in die deutschen Kinos kam, wollten das hierzulande mehr als 1,3 Millionen Menschen sehen. Die ältere Verfilmung (1974) mit Robert Redford und Mia Farrow in den Hauptrollen ist ein Klassiker. Eine Adaption, über die der legendäre Theaterautor Tennessee Williams einst in seinen Memoiren schrieb, sie hätte für ihn noch das Buch übertroffen, immerhin ein Inbegriff der „Great American Novel“, im kulturellen Gedächtnis auf Augenhöhe mit Melvilles Moby-Dick oder Steinbecks The Grapes of Wrath (Die Früchte des Zorns).

Foto: Daniel Koch, Semperoper

Wenig überraschend verweist das in Farben und Formen überbordende und zugleich effektive Dresdener Bühnenbild des während der Produktion verstorbenen Johan Engels schon in der Eröffnungsszene auf den Redford-Film: Die berühmten bebrillten Augen einer Werbetafel an der Straße gegenüber der Werkstatt der Wilsons, einem der drei Haupthandlungsorte der Geschichte, dominieren das Bühnenbild.

Wie die jüngsten Opernfassungen von Ricky Ian Gordon (2007) bzw. Jake Heggie (2010) jener beiden klassischen amerikanischen Romane Moby-Dick und The Grapes of Wrath gehört Harbisons Gatsby zu einem gewichtigen Trend der Gegenwartsoper in den USA, welche genau diese Blockbuster-Konstellation im Blick hat: bekannte amerikanischer Theater- oder Literaturvorlagen, die zwischenzeitlich prominent in Hollywood verfilmt wurden, werden nun als Opern neu adaptiert. Dabei ist es diese dreistufige Adaptionsformel, die das Genre prägt. Musikalisch gibt es keine Norm. Von Folk Opera und Jazz Opera bis Filmmusikidiomen und Serialität ist stilistisch alles dabei.

Man muss den Mut der Semperoper loben. Gerne würde man mehr dieser Werke einmal in Deutschland hören. Bislang steht nur André Previns A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) (1999) häufiger auf den Programmen deutschsprachiger Häuser. Und es ist schade, dass die Gastby-Oper nicht mit der dramatischen Wucht der Vorlagen mithalten kann. Man hätte Dresden für sein Engagement ein noch stärkeres Werk gewünscht. Denn neben dem eindrucksvollen Bühnenbild voll überdimensionierten, knallbunten Mobiliars wurde auch ein durchweg exzellentes Ensemble auf die Bühne gestellt: Peter Lodahl (Jay Gatsby), Maria Bengtsson (Daisy Buchanan), Raymond Very (Tom Buchanan), John Chest (Nick Carraway), Lester Lynch (George Wilson) und Angel Blue (Myrtle Wilson).

Doch die Schlüsselszene im Plaza, wenn die Personenkonstellationen binnen weniger Minuten kippen, kommt viel früher als in Buch und Film. Der Nachgang zieht sich so etwas, während man der Vorbereitung mehr Raum gewünscht hätte, damit nachvollziehbar wird, warum sich Daisy für ihren sie betrügenden Mann Tom (aktuell mit Myrtle) und nicht für Gatsby entscheidet (wegen Kind, sozialem Status und dem egoistischen Druck, den Gatsby auf sie ausübt). Auch das Gatsby in Keith Warners Inszenierung demonstrativ von Daisys und Toms entscheidendem Dialog wegblickt, obwohl er sich im selben Zimmer aufhält und es für ihn um alles geht, hilft seiner Sache nicht – und der des Stücks. Ebenso wie Warners dezidierte Umdeutung von Toms Geliebter Myrtle und ihres Mannes George in afro-amerikanische Protagonisten zwar angesichts ihrer deutlich jazzgefärbteren Partien musikalisch nachvollziehbar ist (und herausragend gesungen werden). Aber in den Vorlagen kämpft Myrtle um sozialen Aufstieg durch Heirat (was so ausgeschlossen ist angesichts der Handlungszeit 1922 und Toms Zugehörigkeit zur Ostküstenaristokratie) und Tom ist Rassist, der gemischte Ehe als Horrorszenarien einer degenerierten Zukunft beschreit. Es bleibt unklar, was dieses so völlig neu aufgestellte Verhältnis nun trägt.

Für den bei der Europapremiere persönlich anwesenden John Harbison, 76, war Gatsby eine Art Lebensprojekt. Seit 1985 hat er an dem Stoff gearbeitet. Und die Idee, nicht nur in seiner eigenen gemäßigt dissonanten, satt orchestrierten und stilistisch im Bernsteinschen Sinne eklektischen Musiksprache zu schreiben, sondern zugleich Musik im Stile der 1920er Jahre für Feste und Radioeinspielungen zu verfassen, ist durchaus originell – und reflektiert Harbisons Aktivitäten als Jazzpianist. Immer wieder erlaubt diese zweigleisige Strategie Harbisons, die Schichten musikalisch miteinander zu verbinden oder einander überlagern zu lassen. Die Integration eines Revuesängers an mehreren Stellen des Plots (Aaron Pegram) überführt diese Idee sogar auf die Ebene der Gesangspartien. Zu Beginn des zweiten Aktes, beim Ball in Gatsbys Anwesen, oder in der berühmten Plaza-Szene funktioniert dies. Freilich mangelt es beiden Stilschichten leider etwas an melodischer Eingängigkeit und dramatischem Verve, mit Hilfe derer vielleicht noch mehr aus diesem an sich interessanten Konzept zwischen U- und E-Idiomen herauszuholen gewesen wäre. Nachdem sie zu Beginn noch etwas zu laut ist und Daisy kaum zu hören, gelingt es der Sächsischen Staatskapelle unter Wayne Marshall letztlich beeindruckend gut, die unterschiedlichen stilistischen Sphären deutlich zu machen, insbesondere in Groove und Flow.

Vermutlich wird es Harbisons Gatsby aufgrund der vorgenannten Schwächen weiterhin schwer haben, ins Repertoire zu finden. In Dresden gab man sich jedenfalls alle Mühe, das Maximum aus dem Werk herauszuholen. Mehr an Einsatz und Qualität kann sich eine neue Oper für eine Premiere eigentlich nicht wünschen. Mehr davon!

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