Noch lange nicht zu alt!

© Sophie Beha
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„What time is it? I think it‘s 1973“, ruft Sänger Bernie Shaw, 60 Jahre alt, bevor er mit dem nächsten Klassiker beginnt. Die Band legt los und über die Zuschauer bricht das Dezibelgewitter herein. Kein bedrohliches, düsteres – aber ein kräftiges. Das Schlagzeug gibt den Rhythmus vor und in der E-Gitarre drängt eine Melodie nach vorne, die jedoch abrupt abbricht um Keyboard und Bass Platz zu machen. Daraufhin fängt sie noch einmal von vorne an und braucht einige Anläufe um zum Ende zu kommen. Das Keyboard kommt hinzu und das Schlagzeug rummort. Der Bass wabert und Bernie Shaw zeigt, dass man mit 60 noch lange nicht zu alt fürs Singen ist. Nicht zu alt für einen langen Atem oder eine beeindruckend helle Kopfstimme. Der Text ist gut verständlich und zu den spannungsgeladenen Akkorden setzt die zweite Stimme von Keyboarder Phil Lanzon, 66 Jahre alt, eine Quinte höher ein.

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Die Band

47 Jahre liegen hinter der Band-Gründung von Uriah Heep. Sie gelten als Mitbegründer und prägende Band im Classic Rock neben Led Zeppelin, Deep Purple, Nazareth und Black Sabbath. Zu ihren berühmten Liedern zählen „Lady in black“, was vor allem in Deutschland ein enormer Erfolg war, „Gypsy“ und „Easy Livin“. Im Juni 2014 veröffentlichte die Band in ihrem Album „Outsider“ elf neue Songs. Zurzeit tourt die Band, teilweise zusammen mit Status Quo, durch Europa.

Typisch für Uriah Heep ist ihr ureigener Klang: Volle Akkorde im Keyboard, oft im Orgel-Sound verpackt und die Riffs auf der E-Gitarre. In der vollen König-Pilsener Arena in Oberhausen erklingen Klassiker, sowie Stücke der aktuellen CD. Die Songs leben vom Rhythmus, welcher meist im Keyboard beginnt und im weiteren Verlauf von Schlagzeug und Bass unterstützt wird. Das Harmonieschema läuft meist nach den gleichen Akkorden ab, jedoch wirkt die Musik nicht monoton. Repetitive Elemente werden ständig verändert, hier ein anderer Rhythmus im Schlagzeug, dort eine andere Linie in der Gitarre oder ein Klang im Keyboard. Lediglich ein langer Instrumentalteil ist fast obligatorisch für jeden Track – wenn nicht sogar mehr. Oft wird auch ein langes, sanftes, geradezu schlichtes Intro aus Gesang und Keyboard verwendet, bevor entweder bei der zweiten Strophe oder beim Refrain die Band in die Vollen greift. Besonders viel Veränderung passiert in der E-Gitarre von Mick Box: laufende Achtel rauf und runter, Chromatik, Glissandi und Melodiephrasen, die manchmal nicht ganz fertig gespielt oder sequenzartig wiederholt werden. Das ist der typische Uriah Heep Song, deswegen sind die Fans hier.

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Die Besucher, in der Alterklasse mit der Band auf einer Augenhöhe, tragen Fan-Shirts (allerdings von Status Quo, die nach Uriah Heep auftreten), Vokuhila, Jeansjacke und Bier. Gekommen, um die Helden ihrer Jugend zu hören. Allerdings genießen 90 Prozent von ihnen das Konzert altersgerecht – im Sitzen.

Die Energie, die die Silbermähnen auf der Bühne freisetzen, ist faszinierend. Das Publikum allerdings sitzt mehr oder weniger regungslos und ausdruckslos auf seinen Plätzen und klatscht brav nach jedem Stück. Trotzdem genießen die Zuschauer die Musik und das, was sie mit sich bringt: Die Erinnerung an frühere Zeiten, als die Bands noch in kleineren Räumen mit anderer Atmosphäre gespielt haben. Manchmal wirkt es fast, als ob sie tief versunken, in Trance wären. Das scheint die Band jedoch nicht zu bemerken, sie machen eine Riesenshow und haben eine Menge Spaß dabei. Bernie Shaw witzelt mit dem Publikum, Russell Gilbrook (Schlagzeug) und Mick Box lachen sich an.

Mick , 69 Jahre alt und das einzig übriggebliebene Gründungsmitglied, ist wohl die faszinierendste Gestalt auf der Bühne. Die Haare sind weiß geworden, lang sind sie trotzdem noch. Seine Ausstrahlung ist unglaublich und aus einem Gitarrensolo wird mal so eben eine Zaubershow gemacht. Er wechselt zur Akustik-Gitarre und meint: „Hope you know the song, it‘s a happy Hippie-Song.“ Es ist das letzte Lied und die Band spielt „Lady in Black“, allerdings nicht in der Original-Version, die zwar doch besser ist, aber das macht nichts. Es ist schließlich 1973 und was zählt, sind die Erinnerungen.

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