Was ist los mit der Next Generation?

Foto: terzwerk

Freitagabend. Es ist der Abschluss des ersten Festivaltages in Donaueschingen. „Next Generation“ steht auf dem Programm – eine Zusammenarbeit der Musikhochschulen in Luzern, Stuttgart und Trossingen. Aus ca. 200 Kompositionen, die aus sämtlichen Ecken dieser Welt eingereicht wurden, werden drei Stücke aufgeführt. Obwohl die Uhr schon eine Stunde vor Mitternacht anzeigt, ist der Saal gut gefüllt. Und dann kommt die Ernüchterung: Ein gewöhnliches Konzert in einer Turnhalle. Keine Kontraste oder Experimente, nicht viel anders als eine Kompositionsklasse, die in der Hochschule ihre Stücke aufführt. Ist das wirklich die Next Generation?

Next Generation - fürs normale Publikum kaum sichtbar

Das Konzert am Freitagabend ist die Spitze des Eisbergs. Denn das, was Next Generation eigentlich ausmacht, bleibt (zumindest für Festival-Besucher) unsichtbar. Wie zum Beispiel das erste Next Generation Konzert vom Vortag, das gar nicht im Programm stand. Außer den zwei Konzerten haben die Teilnehmer eine ziemlich volle Agenda: Workshops, Diskussionen und Vorträge über die Konzerte des Festivals oder relevante Themen wie Geschlechter-Gleichstellung in der Neuen Musik.

„Am Besten fand ich die Gespräche mit den Komponisten. Das war eine gute Möglichkeit, sich auszutauschen und diese Leute dazu zu bringen, über ihre Musik zu reden. Man konnte sehen, welchen Zugang sie zur Musik haben und sich mit ihren Ideen beschäftigen.“

Max Erwin, Doktorand an der Universität Leeds

In die Neue Musik-Szene reinwachsen

Aber nicht alle Next Generation-Teilnehmer schätzen dieses Programm gleichermaßen. Zu der Podiumsdiskussion in der Turnhalle verirren sich nur wenige der insgesamt 100 Teilnehmer. Und auch an den folgenden Tagen sind die Veranstaltungen eher spärlich besucht. Kein Wunder, denn abseits von sterilen Konferenzräumen, Beamern und der etwas eingestaubten Seminar-Atmosphäre spielt die eigentliche Musik: Die Donaueschinger Musiktage, die Vorreiter der Neuen Musik. Und wer würde das verpassen wollen? „Ich fände es besser, wenn das Programm auf eine Woche ausgeweitet wird. Sonst ist es einfach zu voll“, meint Christoph Blum, Teilnehmer am Kursprogramm.

Next Generation ist für sämtliche Studenten und junge Absolventen weltweit aus einem anderen Grund attraktiv. Die Kursteilnehmer bekommen die Möglichkeit, für wenig Geld zur Hochburg der Neuen Musik zu fahren. Sie gehen in die Konzerte, vernetzen sich mit Kollegen und versuchen in die Neue Musik-Szene reinzuwachsen. Adrian Nagel ist das ganz gut gelungen. Das echtzeitEnsemble aus Stuttgart, welches sein Werk Particles_[Brute force] aufgeführt hat, hat ihn auch nach anderen Werken und Partituren gefragt.

An Potential fehlt es nicht

Das Next Generation-Programm bietet den Musikern sehr viel. Ein Förderprogramm für Studenten mit allerhand Chancen, den eigenen Horizont zu erweitern und die Karriereleiter hinaufzuklettern. Aber ist das Next Generation Konzert wirklich ein Vorgeschmack auf das, was die Zukunft bringt? Die eingereichten Kompositionen werden von Jahr zu Jahr mehr, das Projekt kommt immer besser an. Zu experimentelle Stücke, die aus dem Rahmen fallen, können aber leider nicht aufgeführt werden.

Dafür gibt es ganz banale Gründe: Die Besetzung kann nicht zustande kommen, die Probezeiten und die technischen Möglichkeiten in der Sporthalle sind begrenzt.
„Vielleicht sind wir auch zu vorsichtig, weil wir ein ordentliches Ergebnis auf die Bühne bringen wollen und dann manche Sachen nicht riskieren“ erklärt Christof Löser, Ensembleleiter aus Stuttgart. Verständlich, aber schade. An den Rahmenbedingungen muss das Festival also noch weiter schrauben – zumindest um dem Namen „Next Generation“ gerecht zu werden, denn das Potential ist vorhanden.

 

Von: Teodora Bala-Ciolanescu und Sophie Beha