Manalaka-Chakalaka

© Martin Sigmund
© Martin Sigmund

Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart waren am Samstag im Rahmen des Festivals für neue Musik „NOW! Word up!“ zum ersten Mal in der Essener Philharmonie zu Gast. Unter dem Titel „Falsche Lieder“ standen Werke von Günter Steinke, Gordon Kampe, Luciano Berio und anderen auf dem Programm.

„Die Nofretete steht normalerweise ernst, zentriert und symmetrisch da. Würde man einen Keil nehmen und sie in eine leichte Schräglage versetzen, würde sie auf einmal lächeln.“ Gordon Kampe liebt solche Gedankenspiele, in denen etwas falsch, aus der Spur geraten ist. Für seine sechs „Falschen Lieder“ hat der preisgekrönte Essener Komponist Texte aufgestöbert, mit denen etwas nicht stimmt. Etwa die sehr genaue Beschreibung eines Flugapparates der Gebrüder Wright, der nie funktioniert hat – oder die wunderschön-falsche Google-Übersetzung der Gebrauchsanweisung einer vietnamesischen Weihnachtslampe: Da „erreischt man Gluckseligkeit unter finstrem Tann“ und darf den „2.Slippel A kaum abbiegen“. Derlei Kuriositäten interpretierten die Neuen Vocalsolisten mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit und Präsenz – während das Publikum in Lachen ausbrach. Die schnellen, rhythmischen Textpassagen gingen ihnen dabei scheinbar mühelos über die Lippen.

Ebenso virtuos gestalteten sie die Uraufführung eines Werkes von Günter Steinke. In „Manalakata“ erfindet der Komponist ein eigenes Kauderwelsch. Steinke berichtete in der Konzerteinführung von der Konzeption des Stückes, dessen Text auf der Umstellung von Sprachsilben basiert. Er hat gewohnte und fremd klingende Konsonanten mit Zischlauten und Vokalen kombiniert. So entsteht eine innere Gesetzmäßigkeit der Phantasie-Sprache, die nie gleichbleibt. Es ist wie eine musikalische Studie über Sprachlaute, die dem Hörer durch kleine Wortspiele und -witze gelegentlich suggeriert, italienische oder lateinische Wörter zu beinhalten. Das Ergebnis war eine ganz neuartige Klangerfahrung, der die Neuen Vocalsolisten einen groovigen Schwung verliehen.

gezickezickezicke

„Acht Präludien – Drittes Buch“ für sechs Stimmen. – Hinter diesem ernsten Titel verbergen sich skurrile Lautmalereien. Zwar beschreibt der Schweizer Vokalartist Mischa Käser seine Werke als „pure Musik“, doch fühlt man sich schnell an Situationen erinnert, die man schon einmal erlebt hat. So beispielsweise eine Art Streitgespräch zwischen Frauen und Männern: Die Sänger scheinen zu grummeln und zu schimpfen, worauf die Sängerinnen im Chor mit „gezickezickezicke“ antworten. An anderer Stelle kam dem Hörer beim Schnattern, Zischen und Brüllen der Interpreten ein Tag im Zoo in den Sinn. Jeder konnte seine Phantasie schweifen lassen und erfahren, wozu die menschliche Stimme imstande ist.

Am Rande des Wahnsinns bewegt sich das Stück „Vittriool“ von Georges Aperghis. Es entstammt der „Wölfli-Kantata“ und basiert auf Texten des Schweizers Adolf Wölfli, der den Großteil seines Lebens in einer Nervenheilanstalt verbrachte. Dort versuchte er sich als Schriftsteller, Maler und Komponist und hinterließ eine Vielzahl von Werken, in denen er sich auf eine eigene, merkwürdige Weise mit der Erklärung der Welt befasst. Aperghis faszinierten diese Texte und er setzte sie bei „Vittriool“ in ein Stück um, bei dem vieles parallel abläuft und der Text in schnellen, komplexen Rhythmen gesungen wird. Diese Vielschichtigkeit übermannt beim ersten Hören und ist für die Sänger ein „Drahtseilakt“, wie Bassist Andreas Fischer anmerkte.

Mehr Drama!

Im letzten Stück zeigten die Neuen Vocalsolisten ihre Liebe zum Musiktheater: Mit einer großartigen schauspielerischen Leistung setzten sie „A-Ronne“ von Luciano Berio um, eines der bekanntesten und erfolgreichsten Werke der Vokalmusik. Es handelt sich um die Vertonung eines Gedichtes von Edoardo Sanguineti, einem Freund Berios, das verschiedensprachige Zitate u.a. aus der Bibel, Gedichten T.S. Eliots und Dantes sowie Passagen aus Goethes Faust collagenartig zusammensetzt. Sein Titel geht auf das alte italienische Alphabet zurück, das mit den Buchstaben ette, conne, ronne endete – es ging von A bis Ronne statt von A bis Z. Berios Komposition erwachte durch die humorvolle und durchdachte Darbietung der Neuen Vocalsolisten zum Leben und begeisterte das Publikum.

Gordon Kampe war zu Gast bei Terzwerk TV! Hier geht’s zur Sendung.

Zur Website der Neuen Vocalsolisten kommt ihr hier.

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