Star Tracks

Phänomen Film –  ob regelmäßig oder selten; im Kino oder auf Netflix; ob alleine oder mit Freunden. Und hatte nicht auch jeder von uns irgendwann schonmal das ein oder andere erste Date im Kino?

Der eigenen Welt für eine kleine Weile entfliehen können und sich ganz auf das Leben von Pink Panther, Batman oder der fabelhaften Amélie einlassen, das ist das Ziel. Doch wie erreichen wir das? Nur mit einer spannenden Handlung, passenden Schauspielern und einer raffinierten Regieführung? Nein, ein ganz zentrales Element fehlt da noch: die Filmmusik. Und genau mit dieser hat sich unsere Redaktion beschäftigt und ihre liebsten Filmsoundtracks zusammengestellt. Licht aus, Musik an!

Oh Brother, Where Art Thou? (2000) – Potpourri aus Gospel, Country, Blues u.a.

Ich weiß es sofort. Mein Lieblingssoundtrack stammt definitiv aus dem Film der Coen-Brüder Oh Brother, Where Art Thou?. Und das nicht nur, weil bei Big Rock Candy Mountain George Clooney in Nahaufnahme durch den Bildschirm oder das geistige Auge rennt.

Das Potpourri aus Gospel, Country, Blues, Bluegrass, Folk und Old Time Music, produziert von T Bone Burnett, ist ein fester Bestandteil des Films, vielleicht sogar noch stärker als üblich. Anders als sonst, wurde der Soundtrack noch vor den Dreharbeiten aufgenommen, um so die Kameraführung zu beeinflussen. Ob das funktioniert hat, kann jeder für sich selbst entscheiden – ich meine, ja. Die Musik wird durch die Bilder unterstützt, verstärkt und somit plastischer. Bereits im ersten Track, dem Traditional Po Lazarus, ist neben a capella-unisono-Männergesang auch das Geräusch von Spitzhacken zu hören, die unsynchron von Steinen abprallen. Sträflinge beim Gleisbau, das Bild hierzu wird beinahe redundant. In I Am A Man of Constant Sorrow passt sich dagegen die Besetzung den Charakteren und einzelnen Filmszenen an, der Song erscheint somit in vier Versionen.

Ein weiterer Grund, warum ich diesen Soundtrack so schätze, hat weder etwas mit dem Film noch der Musik zu tun, sondern mit Tradition. Denn, wann immer meine Familie zusammenkommt, dauert es nicht lange bis ein Lied aus Oh Brother, Where Art Thou? angestimmt wird, meistens von meinem Opa, der damit allerdings nie lange alleine bleibt.

(sophie)

Dark (2017) – Netflix-Serie – Caroline Shaw

Oft geht es mir so, dass ich nach einem Film oder einer Serie nur sagen kann ‘Die Musik hat voll gut gepasst’. Oder ich erinnere mich gar nicht an die Musik. Wahrscheinlich war die Filmmusik dann auch nur eine Begleiterscheinung, die es sich nicht zu Erinnern lohnt.

Eigentlich bin ich auch kein großer Mystery- oder Fantasy-Fan, weil mir die Netflix-Serie Dark aber vehement empfohlen wurde, habe ich mich darauf eingelassen. Die Serie ist tatsächlich mega spannend und wirklich gut gemacht – erstaunlich bei einer deutschen Produktion. Und die Musik spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Die Bildsprache ist oft düster, die Geschwindigkeit der Erzählung langsam. Umso wichtiger ist die Musik. Eine Mischung aus Ligeti und Bruckner, aus Kagel und Pärt. So wirkt die Musik zumindest einige Male. Schon der Titelsong von Apparat ist super. Es gibt wenige Vorspanne, die ich nicht überspringe und dieser gehört dazu. Aber dann ist da dieses eine Stück, zwar nur ein kleiner Ausschnitt, aber dennoch unglaublich stark. Es heißt Partita for 8 Singers von der amerikanischen Komponistin Caroline Shaw (*1982). Obwohl ich das Werk schon kannte, war es unheimlich fesselnd, ihm in diesem Kontext wieder zu begegnen. A capella in Perfektion!

(samu)

Game of Thrones (seit 2011) – Ramin Djawadi

Game of Thrones (GoT) – ist das nicht diese Serie, wo es nur um brutalste Gewaltdarstellungen, Sex und Verrat geht? Wenn man so grob über die Handlung nachdenkt, kommt das schon fast hin. Aber eben auch nur fast. Ich glaube bei der Serie “Game of Thrones” gibt es kein Mittelmaß – entweder man liebt sie, oder man hasst sie eben.
Ich persönlich finde sie großartig. Zugegebenermaßen habe auch ich mehr als einen Anlauf gebraucht, bis ich dran geblieben bin. Aber nach einer zweiten Chance hatte GoT dann auch mich in seinen Bann gezogen.

Es soll hier aber ja gar nicht darum gehen, ob man sich diese Serie anschauen möchte oder nicht. Was sich auf jeden Fall lohnt, ist die Musik von dem Komponisten Ramon Djawadi. Er schafft es, mit seiner Musik Stimmungen zu erzeugen, wie ich es selten bei Serien- oder Filmmusik erlebt habe. Sie zieht rein und lässt einen nicht mehr los, da braucht man gar nicht unbedingt die passenden Filmszenen zu. Mithilfe von großen, epischen Orchesterklängen, verbunden mit melancholischen Melodien, die direkt ins Innerste treffen, sprechen seine musikalischen Bilder für sich. Aber eben ohne epischen Kitsch, wie ihn Filmmusik manchmal haben kann.
Die Musik hat mich so in ihren Bann gezogen, dass ich einige Tracks sogar in meine Alltagsplaylists integriert habe. Das hat vorher tatsächlich noch keine Film- oder Serienmusik in diesem Ausmaß geschafft.

(carla)

Once (2006) – Glen Hansard, Marketa Irglova

Er repariert Staubsauger, um über die Runden zu kommen, sie verdient sich den Lebensunterhalt als Putzkraft. Als sich ihre Wege zufällig kreuzen, wird schnell klar, was sie verbindet: ihre Liebe zur Musik. Was zunächst wie die Grundlage einer plakativen 0815-Romanze wirkt, entpuppt sich als wunderbar herzliche, anrührende Geschichte über Freundschaft, Trennung, Existenzangst und vor allem Musik. Glen Hansard und Marketa Irglova spielen die Hauptrollen in Once und haben die Lieder, die sie im Verlauf der Handlung gemeinsam aufnehmen, selbst geschrieben. Obwohl der irische Independent-Film 2008 mit einem Oscar für den Song Falling Slowly ausgezeichnet wurde, ist er eher unbekannt und ein Geheimtipp für alle Freunde von aufrichtigen, unverbrauchten Akustik-Songs und liebevoll gestalteten Figuren.
Meiner Meinung nach absolut sehens- und hörenswert, nicht zuletzt wegen der charismatischen Stimme Hansards.

(felix)

Jenseits der Stille (1996) – Niki Reiser

Es ist der Beginn des Films: Eine Frau mit langen roten Haaren und wallendem Wintermantel dreht auf Schlittschuhen anmutig ihre Kreise auf einem zugefrorenen See. Ein etwa zehnjähriges Mädchen steht auf wackeligen Beinen ebenfalls auf dem Eis und schaut ihr bewundernd zu. Sie macht tapsige Bewegungen, worin sie die Frau durch ermunternde Gesten unterstützt.

Begleitet wird die Szene von einer nach vorne treibenden, sehnsüchtigen Musik. Es ist ein schwingender, da auf einem 6/8-Takt-fußender, Tanz. Wellenartige Achtelbewegungen prägen das Stück. Die Gitarre beginnt, das Klavier setzt ein. Dann kommt das Cello mit längeren, nach Sehnsucht greifenden Tönen. Zum Schluss spielt die Geige Schaumkronen auf die Wellenbewegungen.

Diese Musik hat Niki Reiser 1996 für den Film „Jenseits der Stille“ von Caroline Link geschrieben. Ich habe ihn ausgewählt, da ich eine Lanze für das Deutsche Kino brechen möchte und zeigen will, dass auch hier interessante Dinge passieren und sich auch hier die Filmmusik nicht zu verstecken braucht. Außerdem geht es in dem Film um Musik: Lara ist die Tochter von gehörlosen Eltern und schon als kleines Mädchen als Vermittlerin zwischen den Welten aktiv. Als ihre Tante, die Frau mit den langen roten Haaren, ihr eine Klarinette schenkt, wird die Kluft noch größer, da ihre Eltern ihre Freude an der Musik nicht verstehen können.
Ein feiner Film über die leisen Töne und „den Klang des Schnees“.

(freya)

The Lobster (2017) – Musik: Beethoven, Britten, Schnittke u.a.

Eigentlich wollte ich ja Star Wars Episode II wählen. Wochen und Monate dudelte die CD früher aus meinem Jugendzimmer, die Fanfaren zu Beginn, das pappsüße Harfengeplätscher im Love Theme. Ich hab‘s nochmal angehört, aber es riss mich nicht vom Hocker. Waren es vielleicht eher die Storys dahinter, Weltraumschlachten und Laserschwerter, die mich damals fesselten? Frage: Macht es überhaupt Sinn, Soundtracks ohne Film zu beurteilen?

Ich weiche aus, indem ich einen Film vorschlage, der nur bestehende Kompositionen verwendet: The Lobster erzählt die Dystopie einer dem Partnerwahn verfallenen Gesellschaft. Ich war schon im Kino verblüfft und begeistert, wie es Regisseur Yorgos Lanthimos gelingt, Skurrilität und Wahnsinn der Bilder auf Kammermusiken von Schnittke, Beethoven oder Britten zu komponieren. Genüssliche Endzeitstimmung mit Schwindelanfällen!

(thilo)

Der rosarote Panther (1963) – Henry Mancini

Paulchen Panther ist bekannt wie ein bunter Hund. Eigentlich ist er auch kein Filmheld. In Deutschland wurde seine Zeichentrickserie Der rosarote Panther 1973 das erste Mal ausgestrahlt. Die Erfindung der Trickfigur geht allerdings auf einen Film von 1963 zurück. In der gleichnamigen amerikanischen Kriminalkomödie wird ein riesiger Diamant als “Pink Panther” bezeichnet, weil er pink schimmert und im Inneren eine Schattierung hat, die wie ein springender Panther aussieht.

Im Film versucht Inspektor Jacques Clouseau “das Phantom” dingfest zu machen, einen Gauner, der es auf den edlen Stein abgesehen hat. Nur im Vorspann taucht die animierte Trickfigur auf. Da sieht Paulchen Panther schon genau so aus, wie wir ihn aus der Fernsehserie kennen. Die Musik für den Film von 1963 hat der Jazz-Komponist Henry Mancini komponiert. Wunderschöne Swing- und Jazznummern. Dafür gab es 1965 immerhin eine Oscar-Nominierung, später eine Grammy-Nominierung. Ein Musikstück des Films ist dann zur Titelmelodie der Zeichentrickserie geworden – das Stück mit dem eingängigen Tenorsaxophon-Thema, das einen sofort an eine Diebstahl-Szene denken lässt. Die Musikstücke des Flims beeindrucken vor allem durch ihre eleganten melodischen Linien und ihre abwechslungsreiche Instrumentierung. Auch wenn der Film heute nicht jedem mehr bekannt ist, die Musik ist es jedenfalls.

(hpm)

The Dark Knight (2008) – Hans Zimmer, James Newton Howard

Laut und heroisch. Ein bombastisches Orchester mit strahlenden Bläsern – Soundtracks von Superheldenfilmen sind oft nicht sonderlich innovativ.
Eine Ausnahme bildet für mich The Dark Knight, der nicht nur deshalb beachtet werden sollte, weil er genreuntypische düstere Töne anschlägt und weil Heath Ledger die beste Schauspielleistung kurz vor seinem Tod abliefert. Auch die Musik von Filmmusik-Mastermind Hans Zimmer, der sich Unterstützung von James Newton Howard geholt hat, ist fantastisch.

Als roter Faden zieht sich ein nervöses Pochen, Klacken und Ticken durch alle Stücke. So als könnte jeden Moment eine Bombe explodieren und das Orchester in Fetzen reißen. Anarchie, ein großes Thema im Film, scheint auch in der Musik zu herrschen. Eine Gitarre, die an Industrial-Musik erinnert, tief brodelnde Bässe und ein treibendes Schlagzeug; vermischt mit zarten Orchesterklängen. Das ist auch dann spannend und nervenaufreibend, wenn man den Film nicht gesehen hat.

(paul)

Il buono, il brutto, il cattivo – Ennio Morricone (1966)

A-y-a-y-yaaa…

Mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen. Dieses Heulsignal, die jaulende Auf- und Abwärtsbewegung in Quarten, ist DAS zentrale Motiv in Ennio Morricones Filmmusik zu Il buono, il brutto, il cattivo, The Good, the Bad, and the Ugly oder – für das deutsche Publikum kreativ übersetzt – Zwei glorreiche Halunken: Der Italowestern von Sergio Leone, in dem ein Kopfgeldjäger, ein Bandit und ein Auftragskiller mitten im amerikanischen Bürgerkrieg einer veruntreuten Regimentskasse der Südstaatenarmee hinterherjagen.

Ich empfinde den Film als großes cineastisches Vergnügen, weil alles ineinandergreift, Bezug aufeinander nimmt und den Film zu einem Gesamtkunstwerk macht: die Handlung, die Dialoge, die Bildsprache, Kameraeinstellungen…und gerade auch: die Musik. Die Filmmusik zu diesem Film ist keine Musik zum Film, sie IST der Film.
Wie auch in anderen Leone-Morricone-Filmen sind vor allem Bild, Ton und Musik so eng verwoben, dass sie eigentlich nicht zu trennen sind. Das musikalische Narrativ wird mit dem filmischen verknüpft, diegetischer Ton, also naturalistische Geräusche und Musik im Filmgeschehen selbst, geht über in die Filmmusik und andersherum. So imitiert zum Beispiel das zentrale Motiv im Main Theme – a-y-a-y-yaaa – einen Kojotenschrei, der zu Beginn des Films als einer der ersten Sounds erklingt, und blendet in diesen über. Die Rhythmik von Schlagwerk und Pauken suggeriert das Reiten, auch Schüsse werden akustisch integriert.

Das Heulsignal des Kojotenschreis zieht sich durch den ganzen Film, auch weil es als Klangsignatur für die drei Protagonisten fungiert. Obwohl die Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten, ist allen dreien tatsächlich das gleiche musikalische Motiv zugeordnet. Allerdings jeweils von anderen Instrumenten wiedergegeben: Flöte, Okarina und einer menschlichen Stimme. Drei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, aber sie haben alle das gleiche Ziel – das gleiche Motiv – für das sie ihr Leben riskieren: das Gold.

Für solche Details kann ich mich enorm begeistern – und dieser Film ist voll davon!

(reb)

Harry Potter und der Stein der Weisen (2001) – John Williams

Die Celesta beginnt mit einer aufsteigenden Quarte – und versetzt mich prompt um fast zwei Jahrzehnte zurück. Damals habe ich Harry Potter und der Stein der Weisen zum ersten Mal gesehen und war hin und weg. Eine ganze Welt voller Magie!

Neben den liebevoll gestalteten Kulissen ist es für mich vor allem die Filmmusik von John Williams, die diese Welt lebendig macht. Mal fröhlich-verspielt, mal geheimnisvoll oder auch bedrohlich-lauernd begleitet sie uns vom Ligusterweg und der Welt der Muggel nach Hogwarts. Dabei fängt sie nicht nur die unterschiedlichen Stimmungen, sondern auch die Vielschichtigkeit der Geschichte, die sich erst in den anderen Teilen offenbart, ein. Ganz besonders gefällt mir das Augenzwinkern vieler Szenen, das sich immer mehr verliert, je düsterer die Filme werden.

John Williams hat zwar nur die Musik für die ersten drei Filme komponiert, aber das heißt nicht, dass die Musik ab dem vierten Teil ganz anders klingt. Williams’ Nachfolger haben seine Ideen immer weitergesponnen, sodass sich in jedem weiteren Teil der Reihe ein Stück des ersten Films findet. Kompositionen wie Hedwig’s Theme gehören mittlerweile zum Standardrepertoire von Filmmusikkonzerten und werden bei fast jeder Gelegenheit gespielt, aber für mich haben sie ihren Zauber trotzdem nicht verloren.

(melissa)

Fotocredits:

Beitragsbild: flickr.com / zhrefch / CC0 1.0

Hintergrundbild: flickr.com / Leo Guan / CC BY 2.0