Vorgefühlt

Karl-Heinz Lehner über Strauss‘ „Rosenkavalier“ und die Zukunft der Oper

Ist die Oper ein Auslaufmodell? Wenn man dem Bassbariton glaubt, dann nicht. In seiner Paraderolle als Baron von Ochs auf Lerchenau geht er auf wie kein anderer, weshalb es nicht verwundert, dass er sie immer wieder angeboten bekommt! Im Interview sinniert Karl-Heinz Lehner nicht nur über seine Rolle, sondern macht sich auch kritische Gedanken über die Zukunft der Kunstform Oper.

Foto: Thomas Jauk

Karl-Heinz Lehner

Geboren im niederösterreichischen Eggenburg sang Karl-Heinz Lehner schon zur Schulzeit bei den Sängerknaben im Benediktinerkloster Stift Altenburg. Er studierte Gesang an der Wiener Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst. Lehners Karriere begann am Stadttheater Bremerhaven und setzte sich am Opernhaus Dortmund und am Aalto Theater Essen fort. Heute ist er fest bei den Städtischen Bühnen in Dortmund angestellt, hat jedoch oft Gastspiele an anderen namhaften Opernhäusern.

„Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss geht als eine der letzten Opern in das Repertoire der Opernhäuser ein und ist doch eine der meistgespielten Opern des 20. Jahrhundert. Zusammen mit Hugo von Hofmannsthal hat der Münchner Komponist 1911 den „Rosenkavalier“ entwickelt. Zwar hat sich Strauss für seine Oper fünf gleichberechtigte Hauptfiguren ausgedacht, doch der ursprüngliche Werktitel „Ochs auf Lercheau“ verrät, wer der heimliche Held der Oper ist. Lehner verkörperte schon oft den Baron von Ochs, um genau zu sein insgesamt fünfzehn Mal in drei verschiedenen Produktionen (Dortmund, Frankfurt, Essen). Und die nächste Inszenierung in Leipzig ist schon in Planung. Doch die Besetzung des Ochs‘ mit Karl-Heinz Lehner verwundert, da die Rolle in den meisten Inszenierungen mit einem fülligeren, älteren Herrn besetzt wird und dies ist der Bassbariton Lehner nun gar nicht. Eine interessante Verbindung zwischen den beiden gibt es aber trotzdem: Sie kommen aus derselben Gegend in Österreich. Das in der Oper erwähnte Gaunersdorf heißt heute Gaweinstal und ist keine halbe Stunde von Lehners Herkunftsort entfernt. Den Baron von Ochs beschreibt Lehner selbst als lebenslustig, schlau und enorm selbstbewusst.

Der Rosenkavalier

Die Komödie dreht sich um die Liebe, um ihr Scheitern als auch um die daraus resultierenden Schwächen der Menschen. Die Szenerie beginnt im Schlafzimmer der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, die eine Affäre mit dem 17-jährigen Grafen Octavian Rofrano eingegangen ist. Sie vernehmen eine Männerstimme vor der Tür, befürchten es sei der Feldmarschall und so verkleidet sich Octavian mit einem Kleid und einem Häubchen. Die Stimme kommt jedoch vom ungehobelten Baron Ochs von Lerchenau, einem armen Landadligen von hohem Rang, der, als er das Zimmer betritt, sofort mit Octavian liebäugelt. Ochs kam ursprünglich, um die Feldmarschallin zu bitten seiner Braut (Sophie, Tochter von Faninal und aus reichem Hause) im Auftrag des Bräutigams eine silberne Rose zu überbringen, einem alten Brauch nach. Die Feldmarschallin schlägt jedoch Octavian als Rosenkavalier vor, der gerade als Marie Ochs den Kopf verdreht hat. Bei der Übergabe der Rose an Faninal verliebt sich Octavian in die junge Braut Sophie. Es kommt zu einem Duell zwischen Ochs und Ocatavian, bei dem der Baron verletzt wird. Ochs wird eine angebliche Einladung von Marie zu einem Stelldichein übergeben.

Zum vierten Mal den Ochs: Was reizt Sie an der Rolle?

Mich reizt vor allem die Vielschichtigkeit der Rolle. Der Ochs hat musikalisch wahnsinnig viele Farben, die auch in meinem Fall von Vorstellung zu Vorstellung ausgebaut werden. Ich entdecke immer wieder neue Dinge, die mir dann auch vom musikalischen Verständnis klarer werden. Das ist bei einer so langen und schweren Rolle eine Herausforderung. Man kann unglaublich viele Facetten der Stimme zeigen, aber auch darstellerisch.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Inszenierungen in Dortmund, Frankfurt und Essen? Vor allem in Bezug auf die musikalische Gestaltung und die Gestaltung der Rolle?

Zentral im Stück ist die Vergänglichkeit und jeder Regisseur setzt das natürlich anders um. Hier in Dortmund war eine Sanduhr im Bühnenbild, welche sich von Akt zu Akt gedreht hat. Das war eine Andeutung der Vergänglichkeit. Am Alto-Theater war eine Museumssituation dargestellt, was ja auch mit Vergänglichkeit zu tun hat.

Die musikalische Gestaltung war relativ ähnlich. Mal schneller mal langsamer. Man muss den Text unterbringen. Das ist manchmal eine richtige Challenge. In Essen war es etwas langsamer, in Dortmund war die schnellste Version. Aber das ist auch spannend. Das Stück braucht Zug, Richard Strauss hat schon gesagt: „Ohne den Ochs findet ein Spektakel statt“. Und wenn das Tempo dann anzieht, finde ich das wirklich gut.

Ich musste mich ein bisschen auf die einzelnen Interpretationen einstellen, weil die Figur in Frankfurt einfach etwas ruhiger war. In Dortmund war sie in der Bewegung sehr schnell. Aber das ist eine Kopfsache, eine Frage der Konzentration. Sobald man auf der Bühne ist, weiß man was zu tun ist.

Wie ist es, sich mit einem solchen Schurken identifizieren zu müssen? Sehen Sie Parallelen zwischen sich und dem Ochs?

Nein. Und ich finde auch nicht, dass der Ochs so ein Schurke ist. Das ist ein freiheitsliebender Mann vom Lande, durchaus ein Land-Don Giovanni. Er hat bestimmt viele Frauen verführt, vielleicht auch nicht immer mit anständigen Mitteln. Er hat schon eine derbere Art auf eine Frau zuzugehen, was das angeht hat er gar keine Parallelen zu mir. Aber das ist ja gerade so interessant: obwohl er völlig dreist ist und völlig hemmungslos erzählt, was er mit den böhmischen Mädels auf seinem Landgut macht ist er immer noch ein Publikumsliebling. Also muss er ja etwas Charmantes haben. Schurke ist mir etwas zu viel und so spiele ich ihn auch nicht. Ich halte ihn auch nicht für blöd. Oft wird er vertrottelt dargestellt. Das sehe ich gar nicht. Das ist ein eloquenter Mann. Er redet im ersten Akt ja in einer Geschwindigkeit, dass man gar nicht hinterherkommt und er weiß ganz genau was er zu sagen hat, er palavert auch zwischendurch, aber er ist schlau. Eine Bauernschlauheit.

Foto: Thomas Jauk

Die Diskussion über die Oper als Inszenierungsform wird immer wieder neu geführt, auch über ihre Aktualität sowie die Möglichkeiten ihrer Darstellungsform. Die deutsche Opernlandschaft besteht zum größten Teil aus Repertoirewiederholungen. Diese Darstellungsform kann bei guten Inszenierungen durchaus Zukunft haben. Und doch ist die Oper ein Zuschussmodell, welches sich die Städte leisten müssen. Nur rund ein Viertel der Kosten wird durch Ticketpreise getragen. Ist die Oper ein Auslaufmodell?

Nein, das denke ich nicht. Es geht um kulturelle Bildung. Ohne Kultur verarmt der Mensch geistig. Das kann ich nicht wissenschaftlich begründen. Ohne Theater, Museen, Musik, Kunst, wäre das Leben langweilig.

Im Konzertbetrieb werden inzwischen Musikkuratoren eingesetzt, die Konzerte zeitgemäßer gestalten und dadurch auch junges Publikum anziehen sollen. Was halten Sie davon?

Ein Gremium, das sich wirklich mit der Problematik, der Zukunft des Musiktheaters, auseinander setzt ist denke ich sehr wichtig, nicht nur ein Kurator. Im Kleinen macht das jedes Orchester schon heute, zum Beispiel die Kinderoper in Dortmund. Das sind Ansätze, die in die richtige Richtung gehen könnten. Das klassische Konzertwesen wird sich nicht großartig verändern in nächster Zeit. Es gibt auch immer Trends beim Publikum. Wir brauchen eine große Vielfalt. Und ich glaube auch, dass das Publikum immer vorhanden sein wird.

Haben Sie eigene Idee, wie man jungen Menschen die klassische Musik näher bringen kann?

Mit Aktionen wie Kinderopern, z.B. auch Kürzungen von großen Opernwerken und kindgerechten Inszenierungen. Dazu benötigt man jedoch auch die notwendigen Ressourcen. Es gibt auf jeden Fall Ideen, die durchgeführt werden.

Wenn alle so mitdenken  wie Karl-Heinz Lehner, scheint die Zukunft des Musiktheaters zunächst in trockenen Tüchern. Wie sich die Opernlandschaft weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten und eine spannende Frage.

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