Young Spirit

Spannungsvolle Stille. Kein Rascheln. Kein Husten in der Philharmonie Essen. Es fegt eine frische Brise durch den Konzertsaal. Vier hochtalentierte Wirbelwinde durchpflügen mit Verve den Klangraum. Professionell und impulsiv. Da müssen sich die Jungtalente Arthur und Lucas Jussen, sowie Alexej Gerassimez und Simone Rubino nicht vor den alten Hasen verstecken. Ganz im Gegenteil. Sie zwinkern sich alle vier verschmitzt zu und das Konzert beginnt.

Als Pianisten-Duo haben Arthur und Lucas Jussen im rasanten Tempo die Karriereleiter erklommen und wirken trotz des frühen Erfolgs weder verbissen, noch abgehoben. Diese blonden Sunnyboys im edlen Smoking spielen farbenreich auf Schwarz-Weiß und versprühen dabei noch Vitalität. Ihr Spiel zeichnet sich durch jugendlichen Leichtsinn aus, wirkt dabei aber nicht naiv oder gar flapsig. Professionalität im Doppelpack wird mit großem Emotionsspektrum auf den Tasten ausgepackt und es macht Spaß, den Beiden beim Spielen nicht nur auf die Finger zu sehen, sondern ihrer ganzen Körpersprache zu folgen. Diese ist nicht aufgesetzt, sondern lebendig und die Musik wird gefühlvoll interpretiert: Und das sieht man eben auch. Spannend ist vor allem auch die musikalische Verbindung zwischen den Pianisten-Brüdern. Ihre Interpretationen zeichnen sich durch ausladende Dynamik und jugendliche Frische aus. Es ist zu spüren, die Beiden wissen genau, was sie mit ihrem Spiel transportieren wollen. Besonders bei den vier Strawinsky Stücken für zwei Klaviere fällt auf, wie exzellent sich beide als Musiker ergänzen. Arthur neigt, im Gegensatz zu seinem älteren Bruder, eher zu einem Hauch Melancholie, in sich gekehrt und fokussiert. Lucas hingegen spielt impulsiv mit schelmischem Optimismus. Was sie beide nicht können, ist an emotionaler Dynamik zu sparen. Das ist aber auch gut so, denn umso lebhafter wird dadurch ihr Spiel. Diese niederländischen Charme-Bolzen zeigen, ein Konzert kann vor Lebendigkeit und Lockerheit strotzen, ohne dabei an professioneller Qualität zu verlieren. An dem Abend in der Philharmonie haben sich beide Entertainer wohl nicht wenige Essener-Herzen erspielt.

Simone Rubino

Die Jussens also an den glänzenden Flügeln und auf der anderen Seite zwei begnadete, ebenso junge Perkussionisten. Der eine hat seine Wurzeln in Essen, der andere in Italien. So vielseitig wie ihr Instrumentarium sind beide auch als Musiker: Alexej Gerassimez und Simone Rubino jagen gemeinsam ihren Puls in die Höhe und bringen die Herzen des Publikums fast zum Stillstand. Mit apodiktischer Präzision schlagen, kratzen, wischen und liebkosen sie gemeinsam ihre Instrumente um die Wette – zwei gefühlvolle Metronome. Meistens sind Rubino und Gerassimez eigentlich als Einzelkämpfer in größeren Orchestern unterwegs, aber sie zeigen, dass Perkussion auch in kammermusikalischer Konstellation funktioniert. Sowohl in quattro Besetzung mit Piano-Untermalungen, als auch als perkussives Duo. Beide Musiker faszinieren vor allem bei ihrem dualistischen Experimentalstück für zwei Schlagzeuger „Orazi e Curiazi“. Dieses anspruchsvolle Werk des italienischen Avantgarde-Komponisten Giorgio Battistelli stellt mehr als nur ein rhythmisches Match auf zwei Schlagzeugen dar. Es ist eine schweißtreibende Multi-Performance mit vollem Körpereinsatz. In diesem Werk ergründen Rubino und Gerassimez gemeinsam die rhythmische Seele der Menschheit vom Anbeginn der Zeit. Gestampft wird im Katzenklo, während mit Steinzeit ähnlichen Lauten die eigene Stimme erkundet wird. Gleichzeitig werden natürlich Hit-Hats, Snare-Drums, Tom-Toms und Bass-Drums (das Herzstück des Schlagzeugs) in rasanten Tempi bearbeitet. Der Italiener und der Essener schlüpfen mit vollem Herzblut in ihre musikalischen Rollen, denn dieses avantgardistische Perkussions-Werk verlangt den Interpreten nicht nur messerscharfes Taktgefühl ab, sondern zusätzlich schauspielerisches Talent. Eine Multiperformance die nicht aus dem Takt gerät und bei der beide brillieren.  Verwandelt wird der Konzertsaal in ein pulsierendes Schlachtfeld und gekämpft wird mit Drumsticks. Ein musikalisches Experiment, das gelingt und beide Perkussionisten förmlich in einen Rhythmus-Rausch versetzt. Besonders für Rhythmusverliebte im Publikum ein Hochgenuss und dank der beiden weiß man nun, was es heißt, on Point zu spielen und dass Musik eben auch ohne Töne Musik sein kann.

Alexej Gerassimez

Üblicherweise gebührt der Respekt in einem Konzert immer nur den Musikern. Am Sonntagabend in der Philharmonie Essen sprechen die Musiker ihren Dank und Respekt jedoch dem Publikum aus. Erstens, sie hätten es vorgezogen ins Konzert zu gehen, obwohl die deutsche Nationalmannschaft bei der WM spielt. Zweitens, für die Konzentration der doch eher unzugänglichen, hochanspruchsvollen Werke und drittens, für die Spannung und Stille, die das Publikum gemeinsam mit den Musikern gehalten hätte. Beeindruckend für beide Seiten. Diese konzertante Wechselwirkung entsteht selten und genau diese Beteiligung des Publikums an der Musik verleiht einem Konzert nun einmal den allerletzten Schliff. Was will man mehr.

Fotocredits: 

Jussen-Brüder Fotos: Carli Hermès

Simone Rubino Fotos: Marco Borggreve

Alexej Gerassimez: Nikolaj Lund