Sanfte Klangkraft

Das Klaviertrio ist eine der Gattungen, von der Franz Schubert sich doch relativ lang fernhielt. Am Anfang seiner Komponisten-Karriere hatte er eins geschrieben, doch dann lange Zeit keins mehr. Erst 1828 – ein Jahr vor seinem Tod – entstanden wieder zwei Werke dieser Gattung: Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nr. 1 in B-Dur op. posth. 99 D 898 und Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nr. 2 in Es-Dur op. 100 D 929.
Diesen beiden Werken widmeten sich am Dienstagabend der Pianist Igor Levit, der Geiger Ning Feng und der Cellist Daniel Müller-Schott im Robert-Schumann-Saal in Düsseldorf. Veranstalter des Konzerts war das Klavier-Festival Ruhr.

Igor Levit

Schon ab den ersten Minuten dieses Konzerts war klar, worauf an diesem Abend der Fokus gelegt wurde: Klangfarbe. Sowohl Levit, als auch Feng und Müller-Schott bauten so zerbrechliche Klanggebilde, dass der Zuhörer von der ersten Minute gefordert wurde, ganz genau zuzuhören. Dabei ist zerbrechlich nicht im negativen Sinne gemeint – im Gegenteil. Es entstanden so sanfte und zärtliche Klänge, dass man das Gefühl nicht loswurde, Levit streichelte seine Tasten und Feng und Müller-Schott ihre Saiten. Die musikalische Intensität war von Beginn an da.

Der Beginn des ersten Satzes Allegro moderato des Trio Nr. 1 in B-Dur war fast noch ein bisschen zu zart. Mal waren die Pizzicati von Müller-Schott so leise, dass sie fast wegblieben; Levit konzentrierte sich so auf perlenartige Läufe am Klavier, dass diese nur etwas holprig von Violine und Cello übernommen werden konnten. Dieses kurze „Einspielen“ aufeinander tat dem Ganzen allerdings keinen Abbruch.

Feng und Müller-Schott führten diesen Satz musikalisch an. Der Klavierpart war reduziert, während Violine und Cello sich homophon auch oft die Melodieführung teilten. Dies gelang mühelos – die Melodie war nicht aufgeteilt auf zwei Stimmen, keine war dominanter als die andere; sie ergaben ein großes Ganzes.

Im zweiten Satz Andante con moto vertonte Schubert sein Bild eines „seligen Träumers“. Das besinnliche zehntaktige Thema wurde vom Cello vorgestellt, von der Violine aufgegriffen, und schließlich vom Klavier fortgeführt. Levit, Feng und Müller-Schott warfen sich die Melodien punktgenau zu; es entstand ein musikalischer Fluss, der immer weiter floss.

Strahlte dieser Satz nur vor musikalischer Intensität, zeigten die Musiker im dritten und vierten Satz des 1. Trios – Scherzo. Allegro-Trio und Rondo. Allegro vivace –, dass sie in ihrer sanften Klangsprache auch ein richtiges forte sprechen können. Lang gezogene Generalpausen riefen dabei besondere Spannung hervor: Die musikalische Stille wurde genussvoll ausgekostet. Selbst das eigene Atmen schien noch zu laut für diese energiegeladene Geräuschlosigkeit.

„Ein Blick auf das Trio und das erbärmliche Menschentreiben flieht zurück und die Welt glänzt wieder frisch“ – Robert Schumann über das Trio Nr. 1

Das Trio Nr. 2 in Es-Dur ist mit ca. 42 Minuten eines der umfangreichsten Klaviertrios der Musikgeschichte und im Vergleich zu seinem Schwesterwerk in B-Dur Robert Schumanns Meinung nach „mehr handelnd, männlich, dramatisch.”
Im ersten Satz Allegro glänzte besonders Igor Levit. Seine Läufe klangen mit einer Leichtigkeit so anmutig, als wären es Wassertropfen, die von der Klaviertastatur abperlten.
Diese Wassertropfen gefroren im zweiten Satz Andante con moto zu Eis. Nicht etwa, weil Levit auch nur einen Hauch seiner Musikalität einbüßte, sondern weil der Klavierpart in diesem Satz zunächst ausschließlich aus kurzen staccato-Akkorden besteht. Über dieser Begleitstimme spielte zunächst das Cello das melancholische Hauptthema dieses Satzes.

Schubert schrieb das Trio Nr. 2 in Es-Dur parallel zu seinem bekannten Liederzyklus Winterreise. Die melancholische und triste Grundstimmung der Winterreise war auch in diesem Satz seines Klaviertrios zu spüren.
Aber Schubert bezog sich in diesem Satz auch tatsächlich auf ein Lied. Er soll es dem schwedischen Volkslied Se solen sjunker (Sieh, die Sonne sinkt) nachempfunden haben, das er Anfang November 1827 im Hause der Schwestern Fröhlich gehört hatte. Ähnlich wie der zweite Satz beginnt auch dieses mit staccato-Akkorden im Klavier, worüber sich eine wehmütige Melodie der Gesangsstimme legt.

Dieser Satz war das Herzstück des Abends. Levit, Feng und Müller-Schott schienen alle in ihrer eigenen kleinen Welt zu musizieren, aber eben doch gemeinsam, sodass sich eine musikalisch große ergab. Der Robert-Schumann-Saal schien gar nicht genug Raum zu geben für so viel Zärtlichkeit in der Musik.

Die beiden letzten Sätze – Scherzo. Allegro moderato und Finale. Allegro moderato – waren wesentlich verspielter. Hier konnten die Musiker ihre Fingerfertigkeit mit schnellen und virtuosen Läufen unter Beweis stellen. Höhepunkt des letzten Satzes war die Wiederkehr des „schwedischen Themas“ aus dem zweiten Satz. Auch hier spielte Daniel Müller-Schott den musikalischen Gedanken höchst intensiv – er bewies, dass dieses Thema nicht nur in einem Andante, sondern auch in einem Allegro noch wunderschön war.

Wunderschön – das war dieser Abend wirklich. So schön, dass man traurig war, nach zwei Stunden, die wie im Flug vergingen, nach Hause entlassen zu werden.

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Hintergrundbild: flickr.com / Thomas Wojcik / CC BY 2.0

Bilder Igor Levit: R. Lawrence

Ning Feng: Felix Broede

Daniel Müller-Schott: Christine Schneider