Doppeltes Debüt

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Claire Huangci © Mateusz Zahora

Unverhofft kommt oft. Manchmal trifft man nach vielen Jahren einen alten Bekannten auf der Straße. Manchmal setzt man nur eine falsche Unterschrift und bekommt plötzlich eine Waschmaschine geliefert. Und manchmal muss man als Einspringerin für Khatia Buniatishvili sein Debüt beim Klavier-Festival Ruhr um ein Jahr vorziehen. Letzteres gilt für die Pianistin Claire Huangci. Da Buniatishvili ihren Flug aus Spanien aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten konnte, erklärte sich die 28-jährige US-Amerikanerin bereit, sie für das Konzert im Anneliese Brost Musikforum Ruhr zu vertreten. Was diese Konstellation besonders spannend macht: Khatia Buniatishvili war bei ihrem (vorzeitigen) Erstauftritt 2009 ihrerseits Einspringerin für Hélène Grimaud – ein Konzert, das sicherlich ein Wegbereiter für ihre heutige Reputation war.

„Khatia fiel diese Absage sehr schwer“, so Intendant Franz Xaver Ohnesorg, „war es ihr doch eine Herzensangelegenheit, das Debüt der jungen Cellistin Lizi Ramishvili zu ermöglichen“. Drei Cellosonaten standen auf dem ursprünglichen Programm, womit der Fokus klarer auf der 21-jährigen Georgierin gelegen hätte. Da es nun aber ein doppeltes Debüt bedeutete, gehörte die erste Konzerthälfte Claire Huangci.

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Frédéric Chopin (1810-1849)

Das erste der 24 Préludes von Frédéric Chopin steht in C-Dur – eine Tonart, die ohnehin schon zum Strahlen prädestiniert ist. Bei Claire Huangci klingt es wie klares, sanft sprudelndes Licht, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages – so zart und doch von gewisser Intensität. Genauso grandios perlend erklingt auch das dritte Prélude in G-Dur. Huangci wirkt in ihrem Spiel manchmal gedankenverloren und verträumt, ist aber zu einhundert Prozent bei der Sache. Das äußert sich vor allem in den virtuoseren Sätzen, in denen ihr eine Spannung von Fuß- bis Fingerspitzen anzumerken ist. Mit deutlichem, aber nicht überschwänglichem Körpereinsatz legt sie sich in die Tasten und lässt Chopin lachen, grollen und singen.

Musik wie ein angenehm heißes Bad, in das man sich gerne hineingleiten lässt. Musik, wie ein unbehaglicher, kalter Schatten, Musik wie ein gutes Essen, auf das man sich nach einem langen Tag freut – Claire Huangcis dynamisch differenzierte und klanglich außerordentlich diverse Interpretation lässt unzählige solcher Assoziationen zu.

Der berühmteste Satz, Nr. 15 in Des-Dur, ruft mit seiner ostinaten Achtelfigur das Bild hervor, das ihm seinen Beinamen gegeben hat: Regentropfen-Prélude. Huangci spielt dieses Stück ungezwungen, ohne übertriebenes Pathos und überflüssige Spielereien; ihre Regentropfen fallen mit Nachdruck, aber nicht unbarmherzig. Besonders auffällig ist hier ihre extrem fein austarierte Dynamik.

Das darauffolgende Prélude ist mit seinen rasenden Läufen und Oktavsprüngen sicherlich das anspruchsvollste der Reihe. Bei Claire Huangci erklingt es wie ein Wirbelsturm mit Ansage, die Musik fegt geradezu über den Zuhörer hinweg, jedoch ohne dabei einzelne Töne zu verschlucken.

Schon früh wird deutlich, dass sie den Zyklus als Gesamtwerk vorträgt. Sie lässt zwischen den Sätzen zwar genug Raum, um sie für sich wirken zu lassen, fährt dann aber zügig fort. Umso beeindruckender gelingen ihr mühelos Stimmungswechsel wie zwischen Tag und Nacht, in keinem Satz schwingt der Ausdruck des vorherigen mit. Dieser Eindruck wird durch ihre Spielweise des letzten Préludes maßgeblich verstärkt, welches sie mit sanfter Gewalt mächtig und einnehmend darbietet und mit heftigem marcato beschließt – als wolle sie dem Zuhörer unmissverständlich klarmachen, dass nun Schluss ist. Das Publikum hält noch einige Sekunden wie erstarrt den Atem an, bevor es begeistert zum Applaus ansetzt.

Auf der anderen Seite steht mit „L’isle joyeuse“ von Claude Debussy ein Werk des Impressionismus, was man ihm mit seinen schillernden und farbenreichen Tongirlanden deutlich anmerkt. Claire Huangci setzt in dieser akrobatischen Komposition einzelne interpretatorische Farbtupfer und bringt Debussys Klanggemälde so zum leuchten.

Lizi Ramishvili © Giorgi Induashvili

Nach der Pause geht es wieder mit Debussy weiter, nun jedoch in der Gestalt von Lizi Ramishvili, die seine Sonate für Violoncello und Klavier in d-Moll auf die Bühne bringt. Der Komponist hatte in Anspielung auf den traurigen Harlekin der Commedia dell’arte ursprünglich den Titel „Pierrot im Streit mit dem Mond“ vorgesehen; und auch, wenn er diese Beschreibung wieder zurückzog, ist die einsame Wehmut des Clowns deutlich zu hören. Lizi Ramishvili spielt dieses Stück sehr intim und verletzlich, aber mit erstaunlich viel Reife und im wilden Finalsatz mit einer Menge Temperament. Dieser ist mit seiner markanten Pizzicatofigur im Cello und anderen Klangeffekten wie ein burlesker Dialog zwischen den beiden Instrumenten, wobei das Klavier im gesamten Werk eine eher untergeordnete Rolle spielt. Während des Spielens tauschen Ramishvili und Huangci immer wieder Blicke aus, die auf eine jahrelange Vertrautheit schließen lassen könnten. Da die Pianistin so kurzfristig einsprang, ist die herausragende Synergie der beiden jungen Musikerinnen umso beeindruckender.

Diese tritt ebenso beim darauffolgenden Werk hervor. César Franck schrieb seine A-Dur-Sonate für Violine und Klavier. Da sie sich nach kurzer Zeit großer Beliebtheit erfreute, und ein Timbrewechsel der Musik keinerlei Abbruch tat, verfasste der Cellist Jules Delsart noch zu Lebzeiten Francks eine Version für Violoncello.

Dafür sind ihm heute viele Menschen dankbar, unter ihnen sichtlich Lizi Ramishvili, die das Werk mit viel Freude und purer Intensität intoniert. Mit saftigem, schwelgerischem Ton bringt sie den hochromantischen Charakter des Stücks hervorragend hervor. Eine Spannung, die lediglich unterbrochen wird, als der Cellistin beim Blättern zwischen den Sätzen die Noten herunterfallen. Sie nimmt es jedoch mit Humor und Professionalität und spielt den letzten Satz mit einer ansteckenden heitereren Leichtigkeit, die das Publikum beim anschließenden Applaus von den Sitzen reißt.

Mit einzelnen Sätzen aus den Cellosonaten von Chopin und Rachmaninow als Zugaben wird man schließlich mit einer Palette von unterschiedlichsten Emotionen in den Abend entlassen.

Die beiden Künstlerinnen können auf ein in in jeder Hinsicht gelungenes Doppel-Debüt zurückblicken. Claire Huangci hat ihre Chance genutzt, als Vertretung von Khatia Buniatishvili auf sich aufmerksam zu machen, Lizi Ramishvili hat sich auch ohne die Unterstützung ihrer Freundin und Landsfrau auf der großen Bühne beweisen können. Sicher ist: Heute hat man nicht das letzte Mal von ihnen gehört.

Beitragsbild: Claire Huangci © Gregor Hohenberg