Spaziergang mit einem dementen Greis

Monique de St. Croix

Beim Honens-Klavierwettbewerb gewann 1992 Jean-Efflam Bavouzet. Zum diesjährigen Wettbewerb kommt er als Jahrhundertpianist nach Calgary zurück.

Das ist himmelschreiend! Wem sich der Name Jean-Efflam Bavouzet noch nicht ins Gehör gebrannt hat, der muss schleunigst horchen, wie er mit seinem Klavierspiel verblüfft. Anlässlich des „Honens“, Festival und zugleich internatonaler Klavierwettbewerb in Kanada, machte er am Mittwochabend in einem Konzert überdeutlich, wie der Prototyp des „Jahrhundertpianisten“ zu sein hat. Sein Spiel in der „Jack Singer Concert Hall“ in Calgary (Kanada) gleicht einem Erzählen, als wäre er mit seinem Instrument geboren und auf ewig verwachsen. Es ist kaum auszuhalten, so umwerfend spielt er. Bavouzet war 1992 der erste Gekührte des Festivals, seitdem wurde er mit Preisen überhäuft. Das „Honens“ wurde Anfang der Neunziger Jahre gegründet, Esther Honens wollte blutjungen Pianisten mit einem Wettbewerb die nötige Aufmerksamkeit schenken. Heute hängt ein Rattenschwanz von Unterstützung am Konzertabend, der Gewinner kassiert einhunderttausend Dollar und, viel wichtiger, persönliche Betreuung, die die Steine eines jeden Karrierestartes aus dem Weg schiebt. Alle drei Jahre wird ein neuer Star geboren. Jedenfalls bei Jean-Efflam Bavouzet trifft das zu.

Debussys „Image série 1“ verleitet in jedem Lauf zum Kitsch, bei Bavouzet pladdern die Töne wie vereiste Tropfen auf ein Wellblechdach. Seine Spielkraft hat ihren Ursprung nicht in den Schultern, Ellbogen oder sonst einer Fingerverlängerung, bei ihm entstehen die Klänge physikalisch direkt zwischen Tastatur und Fingerkuppe. Es ist verblüffend, wie individuell ein Flügel bedient werden kann. Ravels Auszüge aus „Miroirs“ hitzen sich in der Interpretation von Bavouzet auf, verglimmen nicht, überlisten sich zum Schluss sogar selbst bei den vertrackten (Verzeihung: sackschweren!) Verzahnungen von Rhythmus und Melodie.

© Monique de St. Croix, www.facebook.com/uppimage

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Der absolute Hammer kommt dennoch erst mit Beethoven: die Sonaten 24, 27 und 28. Bavouzet hypnotisiert einen schlagartig, man denkt, man habe Beethoven noch nie gehört, auf jeden Fall nicht verstanden. Einen butterweichen Anschlag hält er so durchsichtig, dass man kirre wird, sich vor Echtheit und Wahrhaftigkeit winden will. Die Sonaten sind in sich geschlossen, die Übergänge im Werk fusionieren. Agogik ist bei Bavouzet beinahe eliminiert, es zählt die Präzision. Aber nicht das Kalte, das Langweilige, das Unproduktive, sondern die emotionalste Disziplin am Flügel, die man sich vorstellen vermag. Seiner Musik zu lauschen ist, als ob man einen dementen Greis auf der Straße kennenlernt, sich erkundigt, ob man ihm helfen könne und dann sprudelt es, trotz jedem Naturgesetz, assoziativ aus ihm heraus. Kindheitserinnerungen, Zukunftsvisionen, Verdruss, Liebe, ein ganzes Leben – das alles denkt man erzählt zu bekommen. Jean-Efflam Bavouzet ist ein Phänomen, fast schon beängstigend wundervoll in seinem Können. Man hat keinen Ravel, keinen Debussy, keinen Beethoven gehört, es war Bavouzet. Non plus ultra!

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