Turbulent und abgehoben

Fotos: AUDI AG

Vier Helikopter kreisen etwa 20 Minuten lang über den Dächern von Ingolstadt. Die luftige Höhe wird in diesen Minuten zur großen Konzertbühne. In jedem Helikopter sitzt ein Musiker. Die einzelnen Instrumentalisten des Minguet Quartetts sehen und hören sich gegenseitig nicht und führen dennoch gemeinsam ein Stück Klassische Musik auf. Wobei der Begriff der Klassischen Musik hier sehr strapaziert wird.

Aber der Reihe nach.

1991 bekam der Komponist Karlheinz Stockhausen den Auftrag für die Salzburger Festspiele ein Streichquartett zu komponieren. Eines Nachts träumte er von Helikoptern – die Idee war geboren. Die Komposition ist Teil der Oper „Mittwoch aus Licht“, allerdings steht das Werk meist für sich. Seit der Premiere 1996 gab es nur eine Handvoll Aufführungen, die Realisierung ist technisch zu anspruchsvoll und kostenintensiv. Audi spricht von einem hohen fünfstelligen Betrag. Im Rahmen des Vorsprung-Festivals der Audi Sommerkonzerte, das in diesem Jahr unter dem Slogan „Natur und Technik“ steht, wurde das Helikopter-Streichquartett in die Tat umgesetzt.

In jedem Hubschrauber sitzt ein Musiker, verkabelt und vernetzt. Über Funk sind sie mit den Technikern in der Stadthalle Ingolstadt verbunden. Die Kopfhörer der Musiker fungieren als Metronom. Eine vorproduzierte Audiospur gibt das – nicht einheitliche (!) – Metrum und Taktzahlen an. Nur so ist es überhaupt möglich miteinander Musik zu machen, denn die vier Musiker sehen und hören sich nicht.

Zur gewöhnlichen Streichquartett-Besetzung von zwei Violinen, Viola und Violoncello kommt eine fünfte Stimme hinzu: Die Geräuschkulisse der Rotorblätter. Der helikoptereigene Lärm übertönt die Instrumente aber nur fast, denn Stockhausen verlangt von den Streichern Moderne Musik in Schrabbel-Ästhetik: Sirenenartige Läufe, wilde Tremoli und Schläge mit dem Bogenholz auf die Saiten und Instrumente. An einigen Stellen sieht die Komposition vor, dass die Musiker laut und ausdrucksstark Zahlen rufen. Durch die Instrumente verteilt ertönen „Eiiinsssss“, „zwwwweeiii“, „dreeeeii“ bis zur „vierzeeeehn“. Rhythmisch perfekt muss es sein, damit es passt wenn die Musiker eine Zahl gemeinsam sprechen.
Während sie spielen werden die Musiker von einer Kamera gefilmt. Die Videos landen direkt auf der Großbildleinwand im Festsaal der Ingolstädter Stadthalle. Dort verfolgt das Publikum das Spektakel.

Geflogen wird nach bestimmten Routen. Lange gerade Strecken würden nicht klappen, denn die Funkverbindung ins Stadttheater muss Non-Stop funktionieren. Außerdem liegt in der Nähe der Militärflughafen in Manching.
Die vier Helikopter fliegen also häufig im Kreis. Die Zuschauer im Stadttheater können über die Kameraeinstellung mitverfolgen wie sich die Helikopter zur Seite neigen. Die Musiker starren gebannt auf ihre Noten, können nicht zum Fenster hinausschauen. Ob Stockhausen bei seinen Überlegungen miteinbezogen hat, dass der menschliche Gleichgewichtssinn in dieser Extremsituation aus dem Takt geraten kann? Einem der vier Musiker wird sichtlich übel: für einen kurzen Augenblick das Instrument auf die Seite legen, Tablette nehmen und weiterspielen. Es ist eine schier unglaubliche Leistung in diesen Momenten im Takt zu bleiben und in dieser körperlichen Verfassung unbeirrt weiterzuspielen.

Generell war es eine fantastische Leistung der Musiker, Techniker, Piloten und allen Beteiligten. Für sie und das Publikum war dieses „Konzert“ in erster Linie ein Erlebnis, das sich von der typischen Konzertform deutlich abhebt. Dabei begann der Tag nicht unbedingt erfolgsversprechend und das lag nicht nur an einer drohenden Gewitterfront.
Eine einzige Generalprobe mit allem Drum und Dran war angesetzt. Doch die Funkstrecke versagte und die Bratschistin musste wegen Übelkeit aufgeben. Am Sonntagvormittag – wenige Stunden vor dem Konzert – musste Aroa Sorin ihren Auftritt endgültig absagen.

Ohne Bratsche kein Streichquartett. Der ganze Aufwand umsonst?

Felix Gargerle soll die Veranstaltung moderieren. Er ist Produzent dieses Events und im Hauptberuf erster Violinist im Bayerischen Staatsorchester. Spontan tauscht er Violine gegen Viola und springt für die erkrankte Bratschistin ein. Ohne Generalprobe. Bemerkenswert!

Im ersten Teil des Konzertes spielt das Kölner Minguet Quartett in normaler Besetzung – Ulrich Isfort (1. Violine), Annette Reisinger (2. Violine), Aroa Sorin (Viola), Matthias Diener (Violoncello) – das Streichquartett Nr. 13 op. 130 von Ludwig van Beethoven inklusive der großen Fuge B-Dur. In seinen späten Jahren hat Beethoven radikal und extrem komponiert, der typisch klassische Charakter blitzt nur selten auf. Die beiden Streichquartette sind eine außergewöhnliche Kombination; die Kompositionen führen ob ihrer musikalischen Radikalität an Grenzen und stellen sowohl einen musikgeschichtlichen Kontrast als auch Verbundenheit auf einmal dar.

Danach geht es für die Musiker auf direktem Weg zur Ingolstädter Bezirkssportanlage Nord-Ost, von wo aus die Helikopter zum Wagnis starten. Sebastian Wieser, Audi-Kulturreferent, sprach zu Beginn des Konzertes „von einem Restrisiko des Scheiterns“. Aber am Sonntagnachmittag klappte es.

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