Spiel den selben Song nochmal!

Aron Blom; Foto: Anne Can Aerschot/ Ruhrtriennale
Aron Blom; Foto: Anne Can Aerschot/ Ruhrtriennale

Lieder in Endlosschleife zu hören erinnert an die Kindheit und Pubertät. Diesen damaligen Reflex und die Fixierung auf „Golden Hours“ von Brian Eno verwendet die Choreographin Anna Teresa De Keersmaeker als Rahmen für ihr Tanztheaterstück „Golden Hours (As you like it)“. Auf der anderen Seite passiert das alles in der Stille. Die Dialoge sind stumm, werden getanzt und die Musik verschwindet.

Aus den Lautsprechern dröhnt „Golden Hours“ von Brian Eno. Die Bühne ist leer, das Lied nach vier Minuten vorbei. Einige Sekunden Stille. Dann ertönt wieder die bekannte rhythmische Elektropop-Figur und das Lied geht von vorne los. Mit extrem langsamen Schrittbewegungen kommen die Tänzer synchron auf die Rampe zu und gehen genauso langsam wieder zurück – noch während das Lied drei weitere Male wiederholt wird. Das Zeitgefühl verschwimmt. Bei der vierten Wiederholung stockt das Lied abrupt und die Handlung von „Wie es euch gefällt“ kommt ins Rollen.

Die Intrigen am Hof werden vorgestellt. Der Streit zwischen Orlando und seinen Bruder entfacht und zwingt Orlando in die Flucht in den Wald. Rosalind verliebt sich auf den ersten Blick in Orlando und wird danach von ihrem Onkel verbannt.

Die agierenden Charaktere treten aus der Reihe heraus, tanzen ihre Beziehungen, Konflikte, oft mit unvorhersehbaren Ausbrüchen. Die Dialoge sprechen sie zunächst stumm nach, besonders wichtige Textpassagen werden eingeblendet. Allmählich verschwindet das stumme Sprechen und geht vollkommen ins Tanzen über. Fragen aus dem Stück werden eingeblendet, die Antworten getanzt.

Der langsame Gang; Foto: Anne Van Aerschot/ Ruhrtriennale
Der langsame Gang; Foto: Anne Van Aerschot/ Ruhrtriennale

Durch die Besetzung rückt der Gender-Aspekt, der auch in der Vorlage eine wichtige Rolle spielt, in den Vordergrund. Rosalind, sowie ihre Cousine werden von Männern getanzt und einige Frauen übernehmen zwischendurch männliche Rollen. Besonders Rosalind – getanzt von Aron Blom – beherrscht das Spiel mit den Geschlechteridentitäten. Authentisch ist Blom insofern nicht nur wegen seiner etwas androgynen Physiognomie, sondern auch aufgrund seiner überzeugenden weiblichen Körpersprache. Sein gesamter Tanz ist hingebungsvoll, elektrisierend und mit durchdringenden Blicken durchsetzt.

Obwohl kein Wort gesprochen wird und nur selten Textauszüge eingeblendet werden, bleibt das Stück dennoch textnah. In jeder Bewegung spürt man die unterschwelligen Monologe, die Intrigen und die verworrenen Liebesbeziehungen.

Das stumme Element wirkt durch die Abwesenheit von Musik verstärkt. Laute bedrückende Stille zieht sich durch das Stück. Brian Enos Musik kommt meist zwischen den Akten zum Einsatz. Fast unmerklich schleicht sie sich jedoch vereinzelt in das Stück hinein und vermischt sich mit Live-Musik. Einige Tänzer spielen Gitarre sowie Akkordeon und andere singen. Diese Momente bleiben aber selten. Bevor man die Chance hat, zu schwelgen, bricht die Musik ruckartig ab und man wird wieder mit der quälenden Stille konfrontiert.

Eigentlich hat Brian Enos Musik etwas Melancholisches. Aber hier werden keine Weltschmerzgefühle zugelassen und auch Shakespeares Text-Grundlage driftet kaum ins Verklärte. Die berühmten Passagen, die seit Jahrhunderten Einzug in unser Denken und Sprache erhalten haben, werden sorgsam behandelt, ohne Kitsch und aufwallende Gefühle.

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players:
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts,
 His acts being seven ages.

Es ist erstaunlich, dass Shakespeare in so einer dekonstruierten Vorstellung immer noch Shakespeare bleibt. Zwar gibt es wenige Momente, wo das zusammengesetzte Ganze droht, auseinander zu fallen. Die Sprache ist nicht hörbar, die Bühne ist leer. Die Beziehungen, Intrigen, die Themen Liebe, Zeit, Geschlechteridentität und die Sehnsucht nach der Natur sind aber präsent.

„It is not the fashion to see the lady the epilogue;
 but it is no more unhandsome than to see the lord
 the prologue.“

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