Ertrunken in #freudentränen

Es gibt Momente, da ist man einfach besoffen vor Glück. So ging es wohl @doklassik und @DerLarsHahn am Dienstagabend. Der Anlass: ein Konzert der Dortmunder Philharmoniker. Fast 100 Tweets wurden im Zusammenhang mit dem Konzert-Hashtag #freudentränen in die Welt gesendet, davon knapp 50 nur von den beiden.

Sie taten, was alle anderen im Konzert für sich behalten müssen: sagen bzw. vielmehr twittern, was ihnen gerade durch den Kopf geht, wenn sie Tschaikowskys Ouvertüren „Der Sturm“, „Romeo und Julia“, Bergs Violinkonzert und die Unvollendete von Schubert hören.

Das stillt natürlich eine große Konzertgänger-Sehnsucht. Wie gerne würde man im Konzert dem Nachbarn die eigenen Gedanken zur Musik zuflüstern: „Hast du gerade diese Stelle gehört? Gemerkt, dass da drei Hörner und ein Fagott dieses Signal in der Egmont-Ouvertüre spielen? Meine Ohren haben diese Farbmischung nie zuvor so genau wahrgenommen, diese Transparenz der Instrumentation verdankte man Paavo Järvi und der Bremer Kammerphilharmonie, ein Wahnsinn!“ Für so was wäre Telepathie-twittern DIE Erfindung. Aber für bloßes: gleich geht’s los NICHT.

Die Gasttwitterer (dieses Mal @DerLarsHahn) und die Musikvermittlung der Dortmunder Philharmoniker kreieren so zu jedem Konzert einen Hashtag-Event zum jeweiligen Motto des Konzerts, gestern #freudentränen. Sie spammen damit nicht ausschließlich die Timeline der eigenen Follower zu. Immerhin reagieren auch einige der Follower auf die Nachrichten: Zwischen 1 und 4 Mal wurden Tweets favorisiert und auch im Schnitt etwa zweimal geteilt. Allerdings jeweils darunter der Gasttwitterer, doklassik und die Dortmunder Musikvermittlerin Barbara Volkwein selbst.

Wer sonst soll auch antworten? Die anderen im Konzertsaal können ja schlecht – die Twittergäste sitzen auf besonderen Plätzen im ersten Balkon, damit sie mit dem Handylicht keine anderen Besucher stören. Menschen außerhalb des Konzertsaals bekommen von dem Konzert nichts mit. Es braucht also eine Live-Übertragung, darum hat @DerLarsHahn dieses Mal erstmals das Konzert via Periscope ins Netz übertragen. (Periscope ist eine App zur Direktübertragung von Videos.) So wie beim Social TV, also wie man es vom Fußball oder Tatort kennt, können alle, die zuschauen, mitsprechen. Gute Idee! Schön, dass die Dortmunder Philharmoniker sich auf die Anfrage, das Konzert auf Periscope zu zeigen, eingelassen haben. Sie wissen, dass es in diesen digitalen Umbruchzeiten darauf ankommt, als Orchester mit der Zeit zu gehen. Und Live-Übertragungen gehören schon längst dazu. Man wünschte sich nur, dass hierfür nicht einfach so mit dem Handy mitgefilmt würde. Die Kritik von Künstlern wie Krystian Zimerman an heimlich gefilmten, in der Konsequenz mit miserablem Ton und Bild hochgeladenen Videos auf YouTube, ist uns noch im Ohr. Wenn nun die Musikvermittlung der Dortmunder Philharmoniker selbst so gefilmte Clips bei Twitter hochlädt, dient das wirklich dem Ziel, für die gute Sache zu werben? Oder ist es nicht eher ein Rückschritt?

Die Dortmunder Musikvermittlung probiert neue Wege im Netz aus, frei nach der Devise „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Hierfür ein Like! Aber bitte mehr Konzept, weniger aus-allen-Kanälen-Feuern. Sonst droht Ertrinken in den eigenen Freudentränen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.