Schwarz – Faust – Weiß

Fotos: Theater Dortmund

Der Mensch zwischen den Mächten: schwarz gegen weiß, gut gegen böse. Xin Peng Wangs Faust-Ballett ist ein Schachbrett. Am Ende gibt es im Dortmunder Opernhaus keinen Gewinner, nur ein Patt.

Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Goethes Faust

Walpurgisnacht, das Fest der Hexen und Dämonen. Grelle Lichtblitze durchpeitschen den Raum. Jeder Basston ein Donner. Drei Höllenengel verrenken sich auf der Bühne im Dortmunder Opernhaus. In Schlangenleder gehüllt mimen sie Luftgitarren, dazu dröhnen aus den Boxen die harten Riffs der Rockgruppe Rammstein: „Ich will jeden Herzschlag kontrollieren“. Inmitten der Orgie steht Mephisto. Er reckt gierig die Zunge und zuckt vor Lust – vor Lust am Seelenfang. Die Rockshow des Teufels kulminiert. Abbruch.

 

Doch zurück zum Anfang. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und langweilte sich sehr. Bis Ballettchef Xin Peng Wang das Böse auf die Bühne schickt und damit ein gleichwertiger Schachpartner das Feld betritt: Mephisto (Dann Wilkinson) trägt ein offenes, goldbesticktes Jackett und Rastermähne. Als spöttischer Dandy umschleicht er sein neustes Opfer Faust (Harold Quintero). Faust, ein greiser Mann, zieht das rechte Bein nach und schleppt sich von unsichtbarer Last erdrückt über das Schachbrett auf dem Bühnenboden. Übergroße Goldrauschengel bewegen sich auf Plateauschuhen von schwarz nach weiß. Sie tragen die Symbole der vier Wissenschaften Theologe, Justiz, Medizin und Philosophie.

Faust ringt sie in einer Art Liebestanz zu Boden und wendet sich ab. Die Bewegungen sind brüchig, die Zerrissenheit spürbar. Über dem Geschehen erlaubt ein riesiger schräger Spiegel die Draufsicht auf die lebenden Schachfiguren. Ein großes Bild.

Der kostümierten Opulenz der ersten Szene setzt Ballettchef Xin Peng Wang eine gesichtslose Schar von Tänzern in hautfarbenen Kleidern entgegen. Faust hat Mephisto seine Seele verschrieben und erhält dafür seine Jugend zurück. Über den beiden: der Blick in die Zukunft. Auf einem Gitternetz laufen Kurzmeldungen in einer Vielzahl von Sprachen. Globalisiertes Chaos. Faust greift mit beiden Händen ins Leben. Hebt die gesichtslosen Tänzerinnen hoch. Ein aufwendig choreographierter Paartanz entspinnt sich.

Das dynamische Chaos des Bühnenbilds spiegelt sich nur in Teilen in der Bewegungssprache der Tänzer. Sie bleiben in den Grenzen ihrer ästhetischen Ballettfiguren. Beeindruckend kunstvoll, aber doch etwas zu geordnet für das digitale Gewirr des Bühnenbilds.

Aus dem anonymen dunkel springt in graziler Schönheit die Figur Margarethe (Barbara Melo Freire). Während Faust und Margarethe einander umbalzen, lenkt Mephisto die Wege ihre Begleitung Marthe. Ein Tanz zu viert. Wie Atome ziehen sich die Tänzer an und stoßen sich wieder ab. Die Musik dazu stammt von Bryce Dresser: Über einer sich wiederholenden Basslinie mehrere gleichrangige Streicherstimmen, spielen gemeinsam, oder kreuzen einander.

Tanz, Musik und Bühnenbild gehen Hand in Hand zugunsten der Idee. Zusammen entsteht ein lebhaftes Gespräch zwischen den Körpern.

Bis Mephisto Marthe erwürgt. Die anonymen Tänzer in engen Ganzkörperanzügen kesseln Margarethe ein, alle Zeigefinger sind anklagend auf sie gerichtet. Sie muss den Mord büßen.

Die Konturen des Schachbretts lösen sich auf, werden zu schwarz-weißen Endlos-Spiralen, hinter denen sich die Hexen zur Walpurgisnacht versammeln. Die Streicher verstummen. Elektronische Musik setzt ein. Das Höllenspektakel beginnt.

GPFaust98

Verblüfftes Köpfe schütteln im Zuschauerraum. Dann durchbricht ein entfesselter Szenenapplaus die Stille. Fussstampfen und archaische „Heja“-Rufe aus den hinteren Reihen. Xin Peng Wangs Idee des Höllenspektakels funktioniert. Plakativ, aber mutig. Der Höhepunkt vor einem Ende, das sowohl einfach, wie genial ist. Denn natürlich tauchen Faust und Margarethe noch einmal auf. Gebrochen und dem Tode geweiht, aber vereint. Im Schlussbild gehen sie gebückt durch ein blutbeflecktes Tor. Das Orchester setzt aus. Nur das leise Tapsen der Ballett-Schuhe, wenn Faust und Margarethe im Nirgendwo verschwinden. Das schwarz-weiße Raster ist gelöst. Ab Ende stehen nur zwei Kräfte, die einander vollständig aufgehoben haben. Großartig!

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