Erfasst, ergriffen, gelähmt, begeistert!

Fotos: Saad Hamza

Greifbar: die Erwartungshaltung des Publikums. Einerseits gegenüber dem Werk, das den Ruf besitzt, aufwühlend zu wirken und tiefe Emotionen anzuregen, und andererseits gegenüber Gustavo Dudamel und dem Simón Bolívar Symphony Orchestra. Gespannte Vorfreude. Dann beginnt die gute halbe Stunde Überforderung.

An diesem Abend umfasst das Simón Bolívar Symphony Orchestra 122 Musiker, die sich bei „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky verausgaben, darunter allein 75 Streicher und sieben Schlagzeuger. Dieser Klangapparat macht Lärm, der den Zuhörer zuerst erfasst, dann ergreift und schlussendlich lähmt – im Positiven.

Wer „Le Sacre du Printemps“ von einer CD-Einspielung kennt, ist beeindruckt. Wer „Le Sacre du Printemps“ am Samstagabend in der Essener Philharmonie erlebt hat, weiß: Nur live entfaltet dieses Werk seine volle Kraft und hat die Macht, den Hörer in einen Bann zu ziehen, dem er nicht entkommen kann.

Bei dieser Vielzahl an Musikern können die Augen den Ohren nicht folgen. Ehe die Augen die Instrumentalisten gefunden haben, deren Töne man in diesem Moment hört, ist die Solopassage schon wieder vorbei – andere Klänge drängen sich ins Ohr. Diese Musik gewährt keinen Moment der Entspannung, keine Chance zum Luftholen. Ohne Rast reißt das Klangkonstrukt den Hörer mit, der sich hilflos fühlt, als würde er in einem Wildbach mitgerissen werden und auf einen immens hohen Wasserfall zusteuern. Die geistige Koordination des Zuhörers kapituliert, er ist gefangen in einem einzigartigen wummernden Rausch aus Geräuschen, die er nicht geordnet bekommt. Ohne selbst an der Klangproduktion beteiligt zu sein, kostet das Zuhören Energie. Es ist nicht mehr nur das Zuhören, sondern das Mitfühlen mit dem Sacre du Printemps, dem Mitleiden mit dem Mädchen, das sein Leben im Frühling opfert.

Der Lärm bleibt stets Musik

In der „Verherrlichung der Auserwählten“, dem 4. Satz des zweiten Teils der Komposition, hämmern die Streicher jede einzelne Synkope einheitlich mit dem Bogenabstrich. Bedrohlich und martialisch wirkt das und lässt – würde man die Geschichte nicht kennen – das grausame Ende vorausahnen. Die lauten Passagen überdecken in der späteren Reflexion des Gehörten die leisen und intimen Momente. Zu sehr hämmert, knallt und wummert es im Kopf. Doch dieser Lärm besteht aus unheimlich vielen einzelnen musikalischen Schichten. Wenn das Simón Bolívar Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Gustavo Dudamel spielt, bleibt der Lärm stets Musik.

An einigen Stellen hat Strawinsky in einer Weise komponiert und orchestriert, die es möglich macht, die einzelnen Stimmen und Motive zu verfolgen. Den Musikern am Samstagabend gelingt es, diese Transparenz umzusetzen, ohne dabei das Gesamtkonstrukt zu vernachlässigen.

Im ersten Teil des Konzerts spielt das venezolanische Orchester Strawinskys „Petruschka – Burleske Szenen in vier Bildern“. Die einzelnen unterschiedlichen Stimmungen sind auch hier differenziert ausgearbeitet. Kräftezehrend für das Publikum sind die Wechsel von betäubend lauten Ausbrüchen und spannungsgeladenen leisen Momenten kombiniert mit der allgegenwärtigen Geräuschkulisse.

Gustavo Dudamel dirigiert „Le Sacre du Printemps“ komplett auswendig. Im „Danse sacrale“, dem finalen Opfertanz, ist der für sein Temperament bekannte Venezolaner nicht mehr zu halten. Impulsiv wirbelt er über das Dirigentenpodest. Schneidend scharf artikulieren die Streicher, die Paukenschläge durchdringen das Publikum, gehen durch Mark und Bein. Es ist der sprichwörtliche Tanz auf der Rasierklinge, der in diesem Fall mit dem Tod des Mädchens endet.

Der Schlusspunkt ist eine Erlösung. Die Zuhörer brechen in Begeisterungsstürme aus, einige wedeln mit venezolanischen Flaggen. Dudamel hebt die Musiker hervor, gibt ihnen eine Plattform gefeiert zu werden. Er selbst stellt sich beim Applaus immer demonstrativ ins Orchester und zeigt keinerlei divenähnliche Allüren. Und tatsächlich ist es eine imposante Gesamtleistung von 122 plus eins. Die Erwartung des Publikums haben sie übertroffen. Es ist aufgekratzt – zwischen aufwühlenden Affekten und Bewunderung. Chapeau.

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