Die Philosophie des Klatschens

Applaudieren im klassischen Konzert – ein Thema mit großem Diskussionspotenzial. Der eine ein Jazz-Musiker, der es gewohnt ist, klatschen zu können, wann immer ihm danach ist. Die andere, in der klassischen Musik verankert, liebt die Stille zwischen den einzelnen Sätzen einer Sinfonie. Paul und Carla könnten unterschiedlicherer Meinung nicht sein. Hier ihre gegensätzlichen Standpunkte.

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Musikalische Seifenblasen (carla)

Alles hätte so schön sein können: Ein entspannter Abend im Konzerthaus, man freut sich auf einen musikalischen Hochgenuss. Auf dem Programm steht eine Sinfonie mit vier Sätzen.
Die Musiker betreten die Bühne, die Zuhörer im Saal applaudieren, die Orchestermitglieder setzen sich – die musikalische Odyssee beginnt.

Der erste Satz endet, man sitzt auf seinem Platz – noch ganz elektrisiert von der musikalischen Kraft, die entfaltet wurde. Der Dirigent hat seine Hände noch erhoben, die Musiker ihre Instrumente noch in ihrer Position des Schlussakkordes. Die Zeit scheint stillzustehen. Man kann spüren, wie die Musik noch nachklingt im scheinbar stillem Saal, der jedoch alles andere als still ist. Die Luft vibriert; man hat das Gefühl, jeder eigene Atemzug ist noch zu laut für diese Spannung.
Doch plötzlich wird man aus diesem fast hypnotischen Zustand gerissen. Der Grund? Einige Zuhörer sind der Meinung, genau jetzt in diesem Moment ihrer Begeisterung freien Lauf lassen zu müssen, indem sie anfangen zu klatschen. Böse Blicke von allen Seiten sind die Reaktion.

Ein Abend zum Mitklatschen? (paul)

Irritierend. Störend. Taktlos und schlichtweg unhöflich. All das sind eigentlich keine Begriffe, die man mit dem Applaudieren in Verbindung bringt. Die meisten Menschen klatschen Beifall, um ihren Emotionen freien Lauf lassen zu können. Wenn ein Musikstück besonders berührend war, ein Solist brilliert hat oder das Orchester gerade einige Lieblingsstücke spielt, dann drücken wir unsere Begeisterung durch Applaus aus.

Sobald es jedoch ins klassische Konzert geht, sobald sich die musikalische Darbietung in der Oper oder im Konzerthaus abspielt, kann es passieren, dass man für das Klatschen im falschen Moment mit strafenden Blicken gerügt wird.
Eben dieses Abstrafen kann ich und werde ich wahrscheinlich niemals verstehen. Ich persönlich habe mich schon immer für Jazz interessiert. Da gehört es quasi zum guten Ton, wenn man den Musikern während der Stücke, nach einer gelungenen Improvisation oder nach einer komplizierten Tutti-Passage, mit einem kleinen Beifall seinen Respekt zollt. Und auch auf Rock- oder Popkonzerten gehört regelmäßiges Klatschen dazu – nicht nach jedem Song zu applaudieren, käme schon fast einer Beleidigung des Künstlers gleich.

Natürlich ist es schön, dass es den Zuhörern gefallen hat und sie dies den Musikern auch zeigen möchten. Aber warum mitten in diese ganz besondere Atmosphäre hinein? Eine Symphonie ist zwar ein Werk mit mehreren Sätzen, aber die Sätze stehen doch nicht nur für sich. Sie gehören zusammen, denn sie verbindet eine musikalische Geschichte. Und zu dieser Geschichte gehören eben auch die Momente zwischen den Sätzen.

Ganz ehrlich: Früher habe ich das auch nicht so ganz verstanden. Als junges Mädchen war ich noch nicht so sensibel für diese Kraft der Stille, die Musik hinterlässt. Ich habe dem Ganzen gar nicht so viel Beachtung geschenkt. Doch je mehr man sich darauf einlässt und je mehr Beachtung man dieser Stille – die eigentlich keineswegs still ist – schenkt, desto bedeutender wird diese und desto sensibler wird man auch selbst für solche. Körperlich sitzt man wohl noch auf seinem Stuhl im Konzerthaus, geistig befindet man sich jedoch in seiner ganz eigenen Spannungsblase. Alles, was im vorangegangenen Satz aufgebaut wurde, scheint sich darin zu entladen. Aber die Blase ist genauso empfindlich wie eine Seifenblase: Wenn man sie berührt, zerplatzt sie. Geräuschvolles In-die-Hände-klatschen lässt meine persönliche musikalische Seifenblase zerplatzen und holt mich radikal wieder zurück in die Realität. Ich lande sehr unsanft wieder auf meinem Stuhl im Konzertsaal, umgeben von vielen Menschen. Zack, Bruchlandung.

Klatschen in klassischen Konzerten scheint eine Philosophie für sich zu sein. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass alle Zuhörer sich auf eine solche einigen könnten, wenn jeder seiner eigenen musikalischen Seifenblase einmal eine Chance gibt.

Natürlich verstehe ich, dass Künstler ihren Stücken eine Intention eingepflanzt haben, die wahrscheinlich genau dann am besten wirkt, wenn man alle Sätze oder Teile dieses Stückes hintereinander und ohne Unterbrechung hört. Ich verstehe auch die Menschen, die diese Stille zwischen den einzelnen Sätzen genießen. Und auch ich kann diese Stille spüren und finde sie schön.
In meinen Augen gibt es aber nichts Schöneres, als diese Stille einen Moment wahrzunehmen und dann durch einen tosenden Applaus zu zerreißen. Sicherlich muss es nicht sein, dass die Menschen plötzlich bei Mozart im Takt klatschen oder bei Stravinsky rhythmisch auf und ab springen. Es muss aber erlaubt sein dürfen, während eines Stückes seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Das Applaudieren dient dabei als Ventil.

Als Beispiel Beethovens 9. Sinfonie: Diese besteht aus vier Sätzen und hat im Schnitt eine Aufführungsdauer von 70 Minuten. Soll das tatsächlich bedeuten, dass ich 70 Minuten warten muss, bis ich meine Freude über dieses Musikstück zum Ausdruck bringen darf? Was ist, wenn ich schon nach dem ersten Satz so begeistert bin, dass ich das dem Dirigenten und dem Orchester mitteilen möchte? Dann werde ich in meinen Emotionen eingeschränkt und auch noch dafür belächelt, dass ich den Musikern im vermeintlich falschen Moment meinen Dank zolle?

Vielmehr sollte man diejenigen Kleingeister belächeln, die nicht akzeptieren können, wenn jemand ein anderes Empfinden für ein Musikstück hat oder andere Reaktionen auf ein Musikstück zeigt, als sie selbst.

Fotocredits

Beitragsbild: flickr.com / Emily Tan / CC BY 2.0

Hintergrundbild: flickr.com / Urban Explorer Hamburg / CC BY-SA 2.0

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