Von Narren und Revolutionären

Es ist 21 Uhr. Einige Gäste sind bereits seit zehn Stunden auf dem Detect Classic Festival im Berliner Funkhaus unterwegs. Andere sind ausschließlich für diesen Moment angereist. Der Saal ist voll. Das Publikum wartet ungeduldig, da öffnen sich die Türen und rund 80 Musiker betreten die Bühne. Es ist soweit – die junge norddeutsche philharmonie ist da!

Die Erwartungen sind hoch, ist das Orchester nicht nur einer der „Headliner“, sondern gleichzeitig Ausrichter dieses Festivals für klassische und elektronische Musik. Mit der symphonischen Dichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss steht ein beliebtes und häufig gespieltes Werk auf dem Programm, die Symphonie Nr. 12 von Dmitri Schostakowitsch hingegen wird häufig kritisiert und selten gehört.

Foto: © Dorothea Tuch

Doch zunächst zu Strauss, Meister der modernen Tondichtung.

Mit einem seichten, erzählenden Motiv, ganz wie ein „Es war einmal…“ eröffnen die Geigen mit der Geschichte des sagenhaften Harlekins und laden das Publikum zum Zuhören ein. Wirkt der Schelm anfangs im unverkennbaren Narrenthema im Horn noch etwas zurückhaltend, so wird dessen Ausdruck schnell immer bestimmter. Immer mehr Stimmen stoßen dazu, schließlich erklingt Eulenspiegels grimassenähnliches Motiv im ersten großen Tutti-Ausbruch mit voller Vehemenz – aus unbescholtenen Streichen entwickeln sich handfeste Betrügereien. Dirigent Jonathan Stockhammer formt mit zuweilen etwas abgehackten, aber immer präzisen Bewegungen einen sehr intensiven, energiegeladenen Till Eulenspiegel, der mit Extremen in Tempo und Dynamik nichts an seinem gewitzten Charakter einbüßt; der Narr wird daher nur noch lebhafter.

Am Ende wird dem Helden buchstäblich kurzer Prozess gemacht: Die berühmte Hinrichtungsszene mit prasselndem Trommelwirbel und dröhnender Tiefblechquinte jagt geradezu dahin, auch die letzte musikalische Grimasse Eulenspiegels blitzt nur noch für eine Sekunde auf. Eine Interpretation, die dem Zuhörer keine Zeit für andere Gedanken lässt und förmlich in den Sessel drückt – lauter Jubel ist die Antwort des Saals, jegliche Erwartungen sind bereits übertroffen.

Keine Pause – nach dem für alle Parteien aufregenden und kräftezehrenden Strauss geht es direkt mit voller Energie weiter. Im zweiten Werk des Abends wird ebenfalls einer historischen Figur gedacht, deren Existenz im Gegensatz zu der Eulenspiegels ganz eindeutig belegbar ist. Dmitri Schostakowitsch widmete seine 12. Symphonie dem Anführer der Oktoberrevolution Wladimir Lenin und versah sein Stück mit dem Beinamen „Das Jahr 1917“. Wie in Strauss’ symphonischer Dichtung das Narrenmotiv wird auch Schostakowitschs Werk von einem wiederkehrenden charakteristischen Hauptthema bestimmt. Dieses Thema wird zunächst von den Celli und Bässen vorgestellt, bevor die restlichen Streicher wie ein großer Chor mit einstimmen. Stockhammer lässt sie sehr akzentuiert, mit Nachdruck und einer gewissen Rohheit spielen, im Tempo bleibt er betont langsam.

Das ändert sich prompt, sobald nach einem plötzlichen Schlagwerkeinsatz die Bläser dazustoßen. Mit nun marschartigerem Charakter zieht der Dirigent das Tempo dermaßen an, dass man sich um das Wohlbefinden von Fagott und Klarinetten sorgen könnte, deren ohnehin schon komplizierte Läufe durch Stockhammers Rasanz sicher nicht einfacher werden. Diese liefern jedoch eine Glanzleistung ab und fegen gemeinsam mit den Streichern im kommenden Tutti-Ausbruch wie ein Wirbelsturm über das Publikum hinweg. Stockhammer dirigiert voller Intensität und überträgt diese auch merklich auf seinen Klangkörper. Die Musik erklingt mit viel Feuer, beinahe brutal – aber es geht ja schließlich auch um Revolution, sodass dies nur angemessen, geradezu unvermeidlich ist.

Das Orchester kann sein Feuer aber auch auf eine kleine Flamme reduzieren. Das wird im ruhigen, getragenen zweiten Satz deutlich, in dem die Bassgruppe zu Beginn ein kaum wahrnehmbares Brummen, ja ein Hauchen hören lässt. Auch der mächtige Schlagwerkapparat weiß offensichtlich, was ein Pianissimo ist, so behutsam erklingt die kleine Trommel, bevor er im dritten Satz nochmal alles geben darf. Das spektakuläre Finale lässt schließlich keinerlei Fragen mehr nach der herausragenden Qualität des Orchesters offen – allerdings könnte man sich fragen, weshalb dieses spannende und zweifellos kompositorisch geniale Werk nur so wenig Aufmerksamkeit genießt.

Der Holzsatz brilliert solistisch wie als Einheit, auch Blech und Streicher funktionieren perfekt als jeweilige Gruppe – jeder Akkord erklingt wie aus einem Guss, jedes Pizzicato wie von einer Hand gezupft. Eine wirklich hervorragende Leistung aller Beteiligten, die sich zu Recht vom Publikum aufs Enthusiastischste feiern lassen. Das einzige, das dem Konzertgenuss einen latent bitteren Beigeschmack zusetzt, sind die dünnen Wände im Berliner Funkhaus. Durch diese sind leider gerade an den zerbrechlichen, leisen Stellen immer wieder die wummernden Bässe vom DJ-Floor im Foyer vernehmbar. Das „Orchester mit Bums“, wie sich die junge norddeutsche philharmonie selbst nennt, weiß jedoch mit der namensgebenden Klanggewalt dagegen zu halten und das Publikum restlos zu begeistern – ein wahrhaft würdiger Abschluss eines ohnehin schon spektakulären ersten Festivaltages!