Come on, sister!

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Amerikas Musikgeschichte ist von zwei großen Namen besonders geprägt: Leonard Bernstein und George Gershwin. Im Rahmen des diesjährigen Klangvokal Festivals trafen die beiden Komponisten im Konzerthaus Dortmund aufeinander. Wahre Klangexplosionen und ein berauschtes Publikum waren das Ergebnis.

Unter dem Titel „American Night“ wurden die Zuhörer im Konzerthaus Dortmund mit Auszügen aus Leonard Bernsteins berühmtestem Werk, der West Side Story, und einer konzertanten Aufführung von Gershwins Oper Porgy and Bess begeistert. Das WDR Funkhausorchester unter Wayne Marshall, der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins und die stimmgewaltigen Solisten Indira Mahajan, Kenneth Overton, Lucian Krasznec, Ronald Samm und Angela Renée Simpson bewiesen ihr Gespür für die amerikanischen Klänge. Chor-Solistin Julia Grüter, die kurz vor dem Abschluss ihres Gesangsstudiums steht, erzählte unserer Autorin Ilka Seuken, was den Abend so besonders gemacht hat.

 

Jetzt direkt nach dem Konzert: Daumen hoch oder Daumen runter?

Daumen hoch würde ich sagen.

Und was hat dir am besten gefallen?

Die Musik an sich tatsächlich. Ich kannte Porgy and Bess vorher noch nicht und ich fand es zwischendurch richtig überwältigend. Diese Tutti-Stellen, bei denen das ganze Orchester und der Chor voll loslegen – das ist sehr eindrucksvoll.

Sind das die Jazz-Elemente in Porgy and Bess, die dir so gefallen haben?

Ja, das auch, aber nicht nur. Es ist generell dieser volle Klang, der satte Sound, die Akkorde, die musikalischen Wendungen – das produziert einfach so einen tollen Gesamtklang. Wenn das volle Orchester komplett loslegt, das ist der Hammer.

Du bist heute als Mitglied im Philharmonischen Chor des Dortmunder Musikvereins aufgetreten und hattest „nur“ ein paar solistische Einwürfe aus dem Chor heraus. Warst du trotzdem aufgeregt?

Ja, sehr. Ich habe noch nie solistisch hier im Konzerthaus gesungen, das ist ja schon mal eine größere Hausnummer. So ein Wahnsinns-Orchester und ein Wahnsinns-Dirigent, das war schon aufregend. Bei den Proben war ich tatsächlich noch entspannt, aber dann mit dem vollen Haus, das war echt stark. Und deswegen ging mir ordentlich die Pumpe, bevor ich losgelegt habe.

Da die Aufführung konzertant war, konnte man die Geschichte von Porgy and Bess nicht nachvollziehen, die Musik stand im Vordergrund. Trotzdem würde mich interessieren, was für eine Rolle du mit deinem Solo verkörpert hast.

Das ist keine Rolle an sich, das ist einfach eine Chor-Solo-Stelle. In den Noten steht auch einfach nur „solo“ ohne Bezeichnung für diese Rolle. Trotzdem meinte Granville Walker – unser Chorleiter – zu mir, dass ich mich wie eine „Sister“ fühlen müsste, damit ich trotz meiner hellen Hautfarbe in die Situation passe.

Und worum ging es dann inhaltlich in deinem Solo?

Das ist eine Aufforderung für Spenden. Kurz vorher in der Geschichte ist der „Brother“ Robbins verstorben und es ist nicht genug Geld für die Beerdigung da. Deshalb fordere ich alle anderen auf: Come on, spendet doch mal ein bisschen Geld, damit die Witwe die Beerdigung bezahlen kann. Und das mache ich dann mit vollem Elan, wie eine „Sister“ eben.

Was würdest du sagen war das Besondere an dieser „American Night“?

Das Solisten-Ensemble bei Porgy and Bess war etwas ganz Besonderes, es waren ja alles dunkelhäutige Sänger – die meisten eben auch Amerikaner – und die haben eine ganz spezielle Klangfarbe, die diese Musik braucht. In der Oper geht es ja auch um die Afroamerikaner um 1870 in einem Fischerdorf in South Carolina und diese Rollen sind von Gershwin deshalb auch für Dunkelhäutige geschrieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das jemand mit heller Haut singen soll, weil da einfach andere Stimmgegebenheiten sind.

Dirigiert wurde der Abend von Wayne Marshall, der besonders für seine Interpretationen amerikanischer Werke bekannt ist. Hattest du das Gefühl, er hat ein besonderes Gespür für Bernstein und Co.?

Speziell für den Jazz hatte ich schon das Gefühl, vor allem weil er am Anfang von Porgy and Bess sogar selber Klavier gespielt hat. Das fand ich stark, da hat man es auch wirklich gehört, dass er da vollkommen Zuhause ist. Und das hat sich in der restlichen Musik auch widergespiegelt: Dass er genaue Vorstellungen hatte, wie es sein soll. Er hat diesen Rhythmus im Blut und es sieht ja auch toll aus, wie er da vorne steht und selber so mitswingt.

Du hast an der TU Dortmund zuerst Lehramt mit Hauptfach Klavier studiert und hast dann zu Gesang gewechselt. Wie kam es zu der Entscheidung?

Im Grunde durch meine Stimmbildungs-Lehrerin. Ich hatte Klavier Hauptfach, Querflöte Nebenfach und Pflichtfach Gesang. Vor dem Studium hatte ich – bis auf Chorsingen – noch nicht großartig mit Gesang zu tun. Aber dann mit der richtigen Lehrerin, die ich dann zufällig zugeteilt bekommen habe, hat es echt funktioniert und riesigen Spaß gemacht und im Endeffekt habe ich dann die Instrumente getauscht. Als ich meinen Bachelor abgeschlossen habe, hatte ich mich schon entschieden, Gesang weiter zu studieren und nicht mehr ins Lehramt zu gehen. Jetzt bin ich in Münster und werde dieses Semester mit dem Master fertig.

Und du hast demnächst schon ein Engagement in Hamburg, an der Kammeroper in Altona. Erst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Und es stehen anspruchsvolle Rollen an: Die Gräfin in Figaros Hochzeit und die Donna Anna aus Don Giovanni. Bist du bereit für die ganz großen Rollen?

Ich hoffe doch. Ich kann es ja noch nicht sagen, wie das sein wird, da in einer so großen Hauptrolle zu stehen. Aber ich freue mich tierisch darauf. Ich glaube, dass es eine super Zeit wird und dass gerade diese relativ kleine Oper mit ihren 200 Sitzen und einer eher familiären und gemütlichen Stimmung für mich für den Einstieg der perfekte Ort ist. Hier kann ich mir vielleicht am Anfang auch noch den einen oder anderen Fehler erlauben. Ich freue mich tierisch darauf und hoffe, dass alles klappt, auch wenn es zwei große Rollen sind. Ich finde es cool, wie alles gelaufen ist bis jetzt. Ich habe, glaube ich, auch ein bisschen Glück gehabt und ich hoffe, dass es so weiter geht. Mal gucken, ob es klappt.

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