Klassik vs Jazz

„Es ist einer dieser beglückenden Abende, an denen man am Ende gar nicht weiß, ob man lachen, weinen oder einfach nur staunen soll.“

Das Konzerthaus Dortmund konnte wieder mit einem ganz besonderen Konzertabend punkten. Schon die Besetzung ließ aufhorchen: Auf der einen Seite das international renommierte Ensemble L’Arpeggiata unter der Leitung von Christina Pluhar, auf der anderen Seite eine Jazzcombo mit dem legendären Gianluigi Trovesi.  Zwei Welten trafen aufeinander, die des Jazz und der Barockmusik.

Christina Pluhar und ihr Ensemble bewiesen viel Stilsicherheit in der historischen Aufführungspraxis. Jede kleine Phrase wurde ausmusiziert. Hinzu kam Jazz vom Feinsten, der allerdings nur häppchenweise serviert wurde: Mal gab es reine Jazznummern, mal ließen die Musiker Jazzelemente in Händels Musik einfließen. Langsam vermehrte sich die Anzahl der Vorzeichen in den Stücken und es wurde mit viel Leichtigkeit über Ostinato Bässen improvisiert. Das Programm war mehr als ein Potpourri aus Werken des Jazz und der Barockzeit. Es gab Jazz mit viel Finessen und nonchalant-virtuosen Schlenkern: Hier eine Modulation, dort ein kurzes Solo, eine Blue Note eingestreut, dann noch ein Glissando – für all das war man sich an diesem Abend nicht zu schade. Die Musiker geizten auch nicht mit rhythmischen Verschiebungen. Durch  Off-Beats wurde aus der „Sinfonia“ zu Händels „Salomon“  schnell eine Swingnummer.

Voilà! So bewahrheitet sich der Titel der Veranstaltung im schönsten Sinne: Händel goes wild“

Auffallend war der Jazzpianist Francesco Turrisi, der auf seinem Flügel Glockentöne zauberte und Farbwolken ausrollte, in die sich alle Musiker harmonisch einfügten. Die alles überstrahlenden Künstler an diesem Abend waren aber der Countertenor Valer Sabadus und die Sopranistin Celine Scheen. Die beiden Sänger standen von wenigen Ausnahmen abgesehen durchweg im Zentrum des musikalischen Geschehens. Was für Stimmen.

Im Duett harmonierten sie auf eine sehr überzeugende Art und Weise: Ihr Gesang fügte sich zu wohltuenden Klängen zusammen, nicht zuletzt wegen der einwandfreien Intonation. Durch eine gemeinsame musikalische Vorstellung betreffend Artikulation und Phrasierung flossen ihre Melodien homogen ineinander. Sich zurücklehnen und forttragen lassen zu dürfen, war so eine leichtes Unterfangen.

Valer Sabadus ließ sein Publikum im wahrsten Sinn des Wortes verstummen. Im Saal herrschte ungewohnte, andächtige Stille. Bestes Beispiel: die Arie „Verdi prati“. Dort stellte er seinen bemerkenswerten Atem- und Stimmumfang unter Beweis und überzeugte mit sauber servierten Koloraturen. Hinzu kam ein herrlich sanfter Schmelz, wohldosiert und fern jeder Geschmacklosigkeit eingesetzt. Eine eindrucksvolle Demonstration von Können“.

Celine Scheen stand ihrem Gesangspartner in nichts nach: Ihre Stimme kam der filigranen Musik von Händel sehr entgegen. Selbst in höchster Lage klang diese noch sehr tragend und natürlich. Besonders pastoral wurde es mit der Arie der Cleopatra „Piangerola sorte mia“, wo sie geschickt von einer Klangfarbe in die nächste wechselte.

Es war ein Konzertabend auf hohem Niveau. Gesang und Instrumentales standen durchweg in einer guten Balance. Besonders waren die Momente, an denen sich die Sänger kurzzeitig zurücknahmen, um sich in die Akkordklänge der Instrumentalisten zu mischen. In manchen Augenblicken entstand der Eindruck, als würde ein völlig neues Instrument erklingen. Es war zutiefst beeindruckend.

Ein Lob geht auch an die Tontechniker. Diese mikrophonierten optimal und stellten einzelne Musiker differenziert heraus. Wenn es etwas zu bemängeln gab, so waren es gelegentlich abrupte Wechsel von der Klassik in den Jazz. So entstanden Bruchkanten, die sich partout nicht ineinanderfügen wollten, was den Spannungsbogen leider unterbrach. Sich an solchen Marginalien länger aufzuhalten, wäre aber reine Beckmesserei.

Händel goes wild ist ein gelungenes sowie kurzweiliges Crossover-Projekt. Das Publikum folgte diesem Konzertabend mit außergewöhnlicher Konzentration. Oft war im Saal reine Faszination zu spüren. Es war eines jener seltenen Ereignisse, bei denen alles magisch zueinander passte. Nach 90 Minuten Musik ohne Pause endete der Abend mit Standing Ovation.

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Bilder: © Bülent Kirschbaum