#Ausklang

Das Album ist tot? Finden wir nicht. Deshalb stellen wir euch unsere Lieblingsalben von 2017 vor. Ein bunter Mix aus unterschiedlichen Stilrichtungen, mit dem ihr das Jahr entspannt ausklingen lassen könnt. Und ganz nebenbei gibt’s noch neue Eindrücke für den Start ins nächste Jahr!

Gisbert zu Knyphausen – Das Licht dieser Welt

Gisbert zu Knyphausen bringt am 27.Oktober nach gefühlter Ewigkeit sein drittes Album heraus. Ob es am überraschenden Tod seines Freundes und Musikerkollegen Nils Koppruch liegt, dass die Lieder diesmal um so existenzialistische Themen kreisen? Gisbert singt vom Altern und Sterben, über sinnlos verbratene Zeit und viel zu frühe Abschiede. Verpackt sind diese großen Themen in Geschichten aus dem Alltag, die gerade durch ihre scheinbare Banalität von der Tiefe ahnen lassen, die sich darunter verbirgt.

Das Licht, das schon der Titel verkündet, durchdringt das Album dabei nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch. Selten war die Instrumentierung bunter und vielfältiger, an Stelle elektronisch verzerrter Wutausbrüche aus dem Vorgängeralbum ist eine neue Sehnsucht nach Harmonie getreten. Da werden die Gisbert‘schen Grübeleien von Klavierballaden umarmt oder durch behutsame Melodien an der Gitarre kommentiert, Balladen folgen auf bluesige Tänze, es wird gerockt, gejammt, geträumt.

(thilo)

Paul Simon- The Concert in Hyde Park

 

Zugegeben – brandneu ist die Musik auf diesem Album nicht. Der Interpret Paul Simon ist schon lange solistisch aktiv, auch wenn ihn die meisten nur als Teil des Duos Simon & Garfunkel kennen. Das Album The Concert in Hyde Park ist kein Studioalbum, sondern die Aufnahme eines Konzertes auf dem Hard Rock Calling-Festival von 2012. Am 14. Juli diesen Jahres wurde der Livemitschnitt auf CD, DVD und Blu-Ray veröffentlicht.

Auf zwei CDs spielt und singt Simon fast 30 Songs, unterstützt von vielen Gästen wie der südafrikanischen A-Capella-Gruppe Ladysmith Black Mambazo, die auch auf seinem Album Graceland zu hören war. Die Musik ist ein Mix unterschiedlichster Stile wie Folk und Rock, ergänzt durch Songs von Jimmy Cliff, die dem Album eine interessante Reggae-Note verleihen. Nostalgisch, aber nicht altbacken – damit baut das Album eine spannende Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

(melissa)

Björk – Utopia

 

Utopie – im Duden definiert als „undurchführbar erscheinender Plan“. Björk weiß in ihrem Album „Utopia“ aber ganz genau, was sie tut und experimentiert zielichsicher mit farbenfrohen Klängen. Klar, das Album-Cover verunsichert: Darauf meint man Björk mit einer Art Vulva im Gesicht erkennen zu können. Ein Bekenntnis an ihre Sexualität? Im Video zu dem Song „Arisen my senses“ sieht man, wie die Künstlerin aus einem surrealistischen Kokon schlüpft und mit ihren Flügeln schlägt. Man muss versuchen, sich auf Björks gewagte Abenteuer auch wirklich einzulassen. Dann aber taucht man ein in eine Welt voller Fantasie geschmückt mit Vogelgezwitscher und neuartigen Lauten.

(geli)

John Mayer – The Search for Everything

 

„The Search for Everything“ ist das mittlerweile siebte Studioalbum von John Mayer. In den zwölf Songs verarbeitet er eine unerfüllte Liebe. Ein sehr abgenutztes Thema im Bereich der Pop-, Rock- und Bluesmusik – könnte man meinen. Aber John Mayer weint nicht einfach einer Verflossenen hinterher. Die Erfahrung der zerbrochenen Beziehung veranlasst ihn dazu, Fragen an das Leben zu stellen. Wie etwa im Song „In the Blood“. Hier versucht er nachzuspüren, wie selbst- oder fremdbestimmt er sein eigenes Leben gestalten kann.
Musikalisch vereint das Album, wie von John Mayer gewohnt, viele Genres. Am ehesten könnte man es dem R&B oder dem Folk-Rock zuordnen. Auf virtuose Gitarrensoli verzichtet er fast gänzlich. Eingängige Melodien, eine weiche Stimme und bittersüße Balladen – ein Genuss!

(hpm)

Jo Lawry – The Bathtub and the Sea

Das Album war keine Zufallsentdeckung. Um genau zu sein, habe ich es sogar schon gekauft, bevor es überhaupt produziert wurde. Es ist das dritte Album der australischen Sängerin und wurde finanziert, indem man dem Künstler durch seinen Beitrag das Produktionsgeld vorstreckt. Auch wenn Jo Lawry durch ihre Backgroundarbeit bei Sting oft – und völlig zu Unrecht – in dessen Schatten stand: Ohne ihre Hintergrundauftritte wäre mir diese wunderbare Künstlerin mit ihrer äußerst angenehmen Stimme wohl verborgen geblieben.

The Bathtub and the Sea ist eines dieser Alben, bei denen es schwerfällt, einen Lieblingstitel zu nennen, ebenso schwer, wie sich zwischen der Badewanne und der See entscheiden zu müssen. Jeder einzelne der stilistisch so unterschiedlichen Songs rührt an etwas – textlich, musikalisch, gesanglich. Einen herauszustellen wird dem Album nicht gerecht, aber noch ist es über die üblichen Kanäle nicht verfügbar, daher hier eine kleine, feine Live-Version.

(reb)

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing

Vier Jahre nach ihrem Debüt-Album bringt die britische Indie-Pop-Band „London Grammar“ 2017 endlich ihr zweites Album raus: „Truth is a beautiful thing“. Trotz hoher Erwartungen wurde ich nicht enttäuscht. Auch dieses Album hat nichts von der musikalischen Einzigartigkeit des ersten Albums verloren.

Erneut dominieren wunderschöne melancholische Melodien, eine einzigartige Singstimme und Texte, die in den Köpfen bleiben und zum Nachdenken anregen. Jeder Song trifft direkt ins Herz, ohne dabei in den Kitsch abzudriften. Und mit jedem Song meine ich auch jeden. Es ist wirklich selten, dass mir alle Songs auf einem Album gefallen, doch in diesem Fall geht es nicht anders. Obwohl in jeder Melodie die persönliche Handschrift London Grammars zu spüren ist, scheinen doch alle Songs unterschiedlich und es wird immer wieder eine neue emotionale Tiefe erreicht.

(carla)

Fjørt – Couleur

„An dem Platz wo die Rosen stehen, wird geschossen auf drei Menschen, die das anders sehen“, singt Fjørt-Frontmann Chris Hell im Titeltrack von Couleur.
Das Jahr 2017 war ein sehr politisches: Donald Trumps Amtsantritt, Debatten über Sexismus und das Wiedererstarken von Antisemitismus. Bei Fjørt schlägt sich das auch in der Musik wieder. Mit mutigen Texten und wütendem Post-Hardcore strecken die drei Aachener Musiker dem Jahr 2017 und all seinen Schattenseiten den Mittelfinger entgegen. Diese Einstellung hat nicht nur mein Herz erobert, sondern auch das Album auf Platz eins meiner Jahresliste katapultiert.
Couleur ist ein ungemütliches Album zur richtigen Zeit, entfacht Feuer und regt Gedanken an. Doch auch auf musikalischer Ebene überzeugt die aktuelle Platte des Trios auf ganzer Linie: Druckvolle Instrumentierung trifft auf wandelbaren Gesang, der sich mal klagend und flehend, dann wieder wütend und geifernd unter die Instrumente mischt. Unbedingt hören!

(paul)

J. Bernardt – Running Days

Eintauchen, sich treiben lassen, ganz in der Musik versinken – die Sounds von Running Days laden genau dazu ein. Jinte Deprez alias J. Bernardt macht es in seinem Album vor: Mit einer unbeschwerten Gelassenheit lehnt er sich ganz in seine Musik zurück, fast schlurft er mit seiner Stimme durch die Tracks, dabei immer in schlichter Präsenz und wahnsinnig authentisch.

Running Days ist das erste Soloalbum des Künstlers, der sonst als Sänger und Gitarrist zur belgischen Band „Balthazar“ gehört. Die herrliche Lässigkeit, in die er seine Musik kleidet, wirkt nicht aufgesetzt – so cool, wie er tut, ist er einfach. In die vielschichtigen Beats mischt er mit kantablen Bläsern und Streichern eine Prise Dramatik. So schafft Jinte Deprez ein sehr persönliches Album von Liebe und Verlust.

(sarah)

ITCHY – All We Know

„Itchy who?“ Hieß es früher darauf noch „Poopzkid, Motherfucker!“, so bleibt die Frage seit diesem Jahr unbeantwortet: mit ihrem siebten Studioalbum haben ITCHY nun endlich auch ihren bescheuerten Nachnamen abgegeben. Und so klingt auch ihre neue Platte All We Know. Erwachsener, gehaltvoller, ernstzunehmender. Mit vielen sozialkritischen Songs, die teilweise explizit die großen Aufregerthemen des vergangenen Jahres behandeln, und Texten mit persönlicher Note haben sich die drei Jungs aus Eislingen an der Fils definitiv einen Platz in unserer Liste verdient. Wer auf Pop-Punk mit einer Prise Selbstironie steht und sich fragt, was in unserer Welt zur Zeit alles falsch läuft, sollte unbedingt mal reinhören.

(felix)