Arbeit ist Selbstmord

Eine gigantische Industriehalle am Rande des Ruhrgebiets. Verwaiste Gebäude. Schutt und Asche. Ein Gleis, das nirgendwo hin führt. Ein alter Container. Ein bunter Ball. Sonnenlicht. Dunkelheit. Schreie. Stille. Musik.

Was sich wie die Szenerie eines postapokalyptischen Films anhört, versetzte die Besucher des großen Eröffnungswerks der diesjährigen Ruhrtriennale in ähnlich depressive Weltuntergangsstimmung. Accattone – ursprünglich ein Film aus den 60er Jahren vom italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini – wurde unter den Händen des neuen Intendanten der Ruhrtriennale Johan Simons zu einem einzigartigen Musiktheater.

Italien in den 50er Jahren. Accattone, ein Tagedieb und Zuhälter, lebt sein Leben am Rande der Gesellschaft. Arbeit – das betrachten er und seine Freunde als Gotteslästerung. Die fremdbestimmte Welt des Proletariats verhöhnen sie. „Accattone“, zu Deutsch „Bettler“, gibt nichts ab, er nimmt sich nur, was er zum Leben braucht. Das ist das Wesen seiner Natur, im Dasein als Bettler findet er seine Bestimmung. Das Leben ist geprägt von Gewalt, Verrat, Hunger und Apathie. Es gibt kein Ziel – außer hoffentlich am Ende die Erlösung durch den Tod zu erfahren.

Inmitten einer ehemaligen Kohlenmischhalle mit endlosen Dimensionen konnten die Besucher der gestrigen Uraufführung von Accattone dem absonderlichen, beinahe geistesgestörten und kaum zu ertragenen Gebaren der Diebe, Zuhälter und Prostituierten zuschauen. Dazu: Musik von Bach. Perfekt und wohltuend, spannungslösend. Der Chor und das Orchester des Collegium Vocale Gent wirkten wie ein Fremdkörper mitten im Geschehen – und gehörten doch irgendwie mit dazu. Philippe Herreweghe, der Dirigent des Abends und Gründer des Collegium Vocale Gent, hat mit seiner Auswahl an Bach-Kantaten die ideale musikalische Untermalung des Schauspiels geschaffen. Wie Jan Vandenhouwe passend formulierte, wurde so aus diversen Kantaten-Fragmenten eine Art stimmige „Accattone-Passion“. So stand am Anfang ähnlich wie bei der Matthäus- und Johannespassion ein glänzender Eröffnungschor: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen“.

Dabei überraschte die für eine solch übergroße Halle perfekt ausbalancierte Klangqualität. Der Dirigent lobte im Interview die Arbeit der Tontechniker, die – so Herreweghe – mit der Verstärkung einen fast kirchlichen Sakralklang zu erzeugen vermochten. So konnten die Bach-Fragmente zu ihrer vollen Entfaltung gebracht werden und für die Zuhörer als feste Anker dienen.

Ein Abend, der kaum in Worte zu fassen ist. Bedrückende Bilder, krasse Dialoge und eine Story, die nirgends hinführte, bereiteten beim Zuschauen ein körperliches Unwohlsein, das nur dank der gelegentlichen Erlösung durch die Musik gemildert werden konnte. Trotzdem wollte – musste – man sich dem Spektakel aussetzen. Ein Abend der unerwartet kam und schwer im Magen liegt. Vielen Besuchern stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Dieses Werk als Eröffnungswerk, von Johan Simons selbst inszeniert, setzt die Ruhrtriennale 2015 in ein flackerndes Licht – und macht uns trotzdem (oder gerade deswegen) gespannt auf das, was da noch komme.

 

Fotos: Julian Röder | Ruhrtriennale 2015

P.S.: Was Mirjam Benecke kurz nach der Vorstellung von Accattone zu sagen hatte, hört ihr hier.

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