Alles andere ist Lärm

„Letztlich wirkt jede Musik auf ihr Publikum nach denselben physikalisch-akustischen Gesetzen, sie bewegt die Luft und erzeugt so eigenartige Empfindungen. Doch im 20. Jahrhundert ist das musikalische Leben in eine brodelnde Masse verschiedenster Kulturen und Subkulturen zerfallen, die alle ihren eigenen Kanon, ihre eigene Sprache entwickelt haben.“

Ein Buch, ein Musiktheaterprojekt, eine Reise durch die Musik des 20. Jahrhunderts. Unsere Autorin Ilka Seuken beschäftigt sich mit dem Weltbestseller The Rest is Noise und besucht die gleichnamige, 6-teilige Ruhrtriennale Veranstaltung. Eine terzwerk Lesereise durch das Ruhrgebiet, die sechs Monate lang immer wieder neue spannende Einblicke in ein Jahrhundert voller Veränderungen bietet: musikalisch und darüber hinaus!

Verweigerung von Gewohnheit

Wer hätte das gedacht. Nach fünf Etappen The Rest is Noise ist beim sechsten und letzten Mal plötzlich doch nochmal alles anders. Passend, wo es an diesem Abend auch inhaltlich unter anderem um die Verweigerung von Gewohnheit geht.

Zuerst einmal bin ich ganz gegen die Routine heute nicht allein unterwegs. Denn bei Etappe sechs im Schauspielhaus Bochum ist auch der Club.Ruhr dabei. Und die haben mich eingeladen, ihre Erfahrung bei The Rest is Noise zu begleiten. Club.Ruhr, das ist der Junge Freundeskreis der Ruhrtriennale, der zum letztjährigen Festivalsommer von der Ruhrtriennale und einigen ehrenamtlichen Studierenden gegründet wurde. Die Idee: Junge Leute zusammenbringen, gemeinsam Kultur im Ruhrgebiet erleben und dadurch die Scheu vor Unbekanntem ablegen. Regelmäßig gehen die Clubmitglieder gemeinsam zu Veranstaltungen, reden mit Künstlern oder Intendanten und diskutieren das Erlebte. „Da kommen ganz unterschiedliche Leute zusammen, jeder bringt eine spannende Perspektive mit. Das ist eine unheimlich inspirierende Gemeinschaft“ erzählt eine der Studentinnen, die zum Gründungsteam des Clubs gehören.

Auch an diesem Abend schauen sich die Studenten nicht einfach nur die Lesung an, sondern wollen im Vorhinein wissen, worum es bei The Rest is Noise eigentlich geht. Dafür sprechen sie mit Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons und dem The Rest is Noise-Produktionsleiter Philip Decker. Es geht – unter anderem – um das schwere Los eines Komponisten:

Philip Decker bereitet uns außerdem auf die etwas ungewohnten Musik vor, die uns heute erwartet:

„Bei den ersten Etappen hatten wir noch eher Stücke dabei, die man so als klassische Musik versteht. Inzwischen sind wir allerdings schon ziemlich fortgeschritten im 20. Jahrhundert. Heute Abend haben wir teilweise sogar Komponisten dabei, die noch leben. Und das klingt für uns schon gar nicht mehr wie klassische Musik. Das ist schon viel experimenteller.“

Das Verbot tonaler Kompositionen

Nach diesem vergnüglichen Vorgespräch heißt es dann also zum sechsten Mal: „Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, mein Name ist Alex Ross.“ Anstatt wie sonst nur zwei, hat dieser finale Abend der Lesereise gleich sechs Themen. Na das scheint ja vielversprechend.

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Los geht es mit Hans Werner Henze, auf der Bochumer Schauspielbühne verkörpert von Bernd Rademacher. Der erst 2012 gestorbene Komponist war ein Querdenker der anderen Art. Denn im Gegensatz zu den vorherrschenden Strömungen der Zeit, war er – laut Alex Ross – kein Fan der Atonalität.

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Auf der Bühne erleben wir ein Zwiegespräch zwischen Alex Ross und Hans Werner Henze:

„Herr Henze. Fällt Ihnen das Komponieren schwer?“ „Schwerarbeit war das immer. Und Trauerarbeit, die sehr starke psychische und körperliche Erscheinungsformen mit sich bringt. Keine Depressionen eigentlich, aber es ist ein quälender Zustand“

Weil er sich vom atemlosen Vormarsch der deutschen Musik erdrückt fühlte, floh Henze 1953 nach Italien.

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Ganz anders stand es derweil um einen berühmten Zeitgenossen: Karlheinz Stockhausen. Dieser eigenwillige und recht egozentrische Komponist, der als Begründer der elektronischen Musik angesehen wird, war der „Kronprinz“ der Avantgardemusik.

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Doch bevor er sich der elektronischen Musik zuwandte, war das Komponieren für Klavier ein wichtiger Aspekt Stockhausens Arbeit. So komponierte er zum Beispiel Klavierstück IX, mit dem wir an diesem Abend wieder einmal die imponierende Rhythmus-Perfektion von Pianistin Sachiko Hara erleben dürfen.

„Es vermittelt unterschiedliche Formen der musikalischen Zeit. Periodizität und Aperiodizität. Allein der erste vierstimmige Akkord wird 280 Mal angeschlagen. Stockhausen nutzt absichtlich die Unmöglichkeit, alle vier Töne gleichzeitig und gleich stark anzuschlagen, sodass sich die Töne konstant und unfreiwillig in den Vordergrund schieben.“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 574

Musikalische Architektur

Teil drei des Abends in Bochum nennt sich „Stochastische Musik“ und behandelt den griechischen Komponisten Iannis Xenakis. Alex Ross beschreibt ihn als rationaler als Stockhausen, und einen schwer zu kategorisierenden Radikalen der europäischen Avantgarde. Das Besondere an Xenakis: Neben der Musik entwickelte er auch ein Interesse für Architektur und kombinierte schließlich beides.

„Xenakis‘ kompositorischer Meisterstreich war es, diese architektonischen Modell auf den musikalischen Raum anzuwenden, die Wellenformen auf Millimeterpapier zu zeichnen und dann in konventionelle Notation zu übertragen“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 439

Das Schicksal der Komposition

Die letzten Kapitel des Abends befassen sich mit der Gegenwart. Noch lebende Komponisten wie Helmut Lachenmann und Olga Neuwirth und die Frage nach dem Schicksal der Komposition sind das Thema. Mit seiner Musique Concrète Instrumentale wird bei Lachenmann der normal erzeugte Ton zum Sonderfall. Schönheit bezeichnet er als die Verweigerung von Gewohnheit. Und auch Olga Neuwirth, die 1968 in Graz geboren ist, komponiert „surreale, psychotische Labyrinthe“, die die Orientierungslosigkeit der Generation zum Ausdruck bringen sollen. „Komponieren beruht auf einem Gehirnschaden“ soll sie einmal gesagt haben. Wenn man ihre Musik hört, könnte man den Eindruck bekommen, dass sie Recht hat.

Was haben wir davon?

Sechs Etappen The Rest is Noise habe ich erlebt und viel Neues über die Musik des 20. Jahrhunderts gelernt und mich beeindrucken lassen. Vieles klingt schräg, vieles ist ungewohnt, aber alles ist irgendwie faszinierend. Für mich ist eine Hemmschwelle vor der sogenannten „Neuen Musik“ eingebrochen, jetzt kann mich nichts mehr schocken.

Am Ende des Abends frage ich die Studenten des Club.Ruhr, wie ihnen Etappe sechs der The Rest is Noise Lesereise gefallen hat:

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Und Alex Ross beschließt sein Buch The Rest is Noise mit einem Resümee über die klassische Musik der Gegenwart:

„Aus der Ferne mag es scheinen, dass klassische, ernste, Kunstmusik dem Verschwinden entgegensteuert. Die Zeitschriften, die einst Bernstein und Britten aufs Titelbild nahmen, haben heute nur noch Platz für Bono und Beyoncé. Betrachtete man die Situation [aber] aus einer freundlichen Perspektive, bietet sich ein ganz anderes Bild. Klassische Musik erreich heute ein viel größeres Publikum als he zuvor. Zig Millionen Zuhörer gehen Abend für Abend in Opernhäuser, Konzertsäle und Festspielorte. Riesige neue Publikumsreservoirs haben sich in Ostasien und Südamerika aufgetan. Das Repertoire scheint zwar geradezu übernatürlich wandlungsresistent, doch wird es allmählich von der Musik des 20. Jahrhunderts durchdrungen.“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 566

 

Nachhören

Wer auch nach sechs Etappen The Rest is Noise noch nicht genug hat, kann sich mit dieser Playlist noch einmal quer durch’s 20. Jahrhundert hören. Viel Spaß!

Reise der Sinne

Das The Rest is Noise-Projekt der Ruhrtriennale kann aus mehreren Gründen als Reise verstanden werden. Erstens ist es eine Reise durch die Theater des Ruhrgebiets. Jeden Monat lernen wir wieder eine andere Location, ein anderes Ensemble, eine andere Atmosphäre kennen. Zweitens ist es eine Reise durch die Musik des 20. Jahrhunderts. Mit Strauss und Mahler haben wir in der ersten Etappe begonnen, inzwischen sind wir bereits in den 60er Jahren angekommen. Und drittens ist es eine Reise zu uns selbst. Eine Reise hinein in die Irrungen und Wirrungen der Avantgarde-Musik, eine Reise hin zum Verstehen und lieben lernen.

Die vorangegangenen vier Etappen haben daher auch die Sinne für alltägliche Empfindungen geschärft. John Cage und Co. zeigten ja eindrücklich, dass in unserem Leben mehr Musik steckt, als wir meist wahrnehmen. Bei Etappe fünf im Theater an der Ruhr in Mülheim kommen die eindrucksvollsten Impressionen zumindest diesmal leider nicht von den erzählten Geschichten, sondern mehr vom gesamten Drumherum.

Sieh und fühle!

Eine warme, gelbe Lampe steht auf dem kleinen weißen Café-Tisch vor mir. Wenige Meter entfernt auf der Bühne sitzt im altbekannten Alex-Ross-Erzähler-Sessel diesmal Petra von der Beek. Ihr Headset rauscht bei jeder kleinsten Bewegung, ihr Atem und regelmäßiges Seufzen sind durch die Boxen so überdeutlich zu hören als säße man auf ihrem Schoß. Eine Rückkopplung wirkt, als gehöre sie zum intendierten Akustikeindruck. Hinter mir ein ständig quietschender Stuhl, der sich teilweise perfekt in die Musik einfügt.

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

 

Revolution!

Die Inhalte von Etappe 5 sind im Gegensatz zu den anderen Sinneseindrücken tatsächlich nur mäßig spannend. Mit dem Thema Die Avantgarde der Sechziger beginnt der Abend in Mülheim. Unter anderem Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono, sogar Yoko Ono und John Lennon stellen sich vor – und erzählen uns trotzdem nicht viel Neues. Erneut gab es eine Rebellion gegen das Vorherige, erneut dachte man sich etwas „Revolutionäres“ aus:

„Im überschwänglichen Zeitgeist lehnte eine zweite Welle von Avantgardisten die Fixierung auf Reinheit und Abstraktion der vorherigen Generation ab. Zufall, Unbestimmtheit, musikalische Grafik und andere Formen unkonventionell notierter Musik kamen in Europa in Mode.“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 503

 

Musizieren nur mit Schutzbrille

György Ligetis Geschichte ist hier eine interessante, wenn auch bedrückende Abwechslung. Im Gegensatz zu den „Jüngern“ von Karlheinz Stockhausen, der sich liebend gern in Glanz und Glamour badete, war Ligeti nicht sonderlich von seinem Schaffen beeindruckt. Stattdessen neigte er –wahrscheinlich auch aufgrund seiner Jugendzeit-Erlebnisse – dem absurden Ende des avantgardistischen Spektrums seiner Zeit zu.

„In seinen Apparitions von 1960 spielen Fagottisten ihre Instrumente ohne Rohrblatt, Blechbläser schlagen mit der flachen Hand auf ihre Mundstücke, ein Schlagzeuger soll eine Flasche in einer mit Metallplatten ausgekleideten Kiste zerschlagen („Bitte unbedingt Schutzbrille tragen“, rät die Partitur).“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 515

In Ligetis Musik ist seine Vergangenheit zu hören. 1923 in Transsylvanien geboren wurde er 1944 unter faschistischer ungarischer Regierung zur Zwangsarbeit herangezogen. Dabei musste er das von den Rassengesetzen vorgeschriebene gelbe Armband tragen und schwere Artilleriegranaten an die Ostfront transportieren. Später im selben Jahr übernahmen die Nazis die Kontrolle über das Land.

„Ich rechnete mir die Wahrscheinlichkeit aus, entweder an der Front zu fallen, von der SS erschossen oder ins Lager geschickt zu werden, und desertierte. Ein langer Fußmarsch brachte mich nach Hause. Erst als der Krieg endete erfuhr ich vom Schicksal meiner Familie: Mein Vater war in Bergen-Belsen, mein Bruder in Mauthausen, meine Tante und mein Onkel waren in Auschwitz ermordet worden, nur meine Mutter hatte irgendwie überlebt.“

Eins der Highlights des Abends in Mülheim war aufgrund dieser bewegenden Erzählung ein Filmausschnitt aus „Space Odyssey 2001“ – mit Ligetis Requiem als faszinierend gut passende Filmmusik. Nervenzerreißend!

 

Von den Erzählungen der Theater-Schauspieler wurde das Publikum an diesem Abend nur an wenigen herausragenden Stellen gefesselt. Stattdessen stachen diesmal besonders die musikalischen Darbietungen hervor. Die Pianistin Sachiko Hara schlug unter anderem mit Luciano Berios Feuerklavier for Peter Serkin wieder einmal das Publikum mit ihrer Akkuratesse und Leichtfingrigkeit in den Bann.

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Freiheit

Etappe 4 im Theater Oberhausen. Beim Reingehen fällt auf, dass viele Gesichter inzwischen schon vertraut sind. Logisch, denn über die Hälfte der Besucher haben Dauerkarten für alle sechs Etappen der Lesereise. Nicht vertraut ist die Umgebung, denn wir lernen ja jeden Monat ein anderes Ruhrgebiets-Theater kennen. Oberhausen besticht mit einem urigen Café, günstigen 1,50€- Brezeln und gemütlichen Sitzen. Na dann kann’s ja losgehen.  Heute auf der Speisekarte: Messiaen und Cage. Ich bin gespannt und freue mich schon auf neue Erkenntnisse.

2,5 Stunden später verlasse ich erschöpft aber amüsiert grinsend den Saal. Olivier Messiaens Geschichte hat mich bewegt und zerrüttet, John Cages Verrücktheit und Fantasiereichtum brachte mich zum Lachen und führte zu ungläubigem Kopfschütteln.

 

Das Ende der Zeit

Musik für das Ende der Zeit – so war die erste Hälfte dieser The Rest is Noise Etappe übertitelt. Olivier Messiaens berühmtes Werk Quatour pour la fin du Temps soll genau dieses Ende der Zeit ausdrücken. Die vorlesenden Schauspieler des Theater Oberhausen und die begleitenden Musiken erzählten uns von der Entstehung.

1940 in Kriegsgefangenschaft in Stammlager VIII A im Görlitzer Stadtteil Moys. Ein Wärter hatte damals Messiaens Wert als Komponisten erkannt, ihn von seinen Gefangenenpflichten befreit und ihm einen ruhigen Raum, ein Klavier, Notenpapier und Bleistifte ermöglicht. Die ungewöhnliche Zusammenstellung der Instrumente – Klavier, Violine, Violoncello und Klarinette – entstand aus dem simplen Grund, dass dies die Instrumente waren, die Messiaen selbst und drei seiner Mitgefangenen spielen konnten. Sie probten in den Waschräumen und führten das Werk zum ersten Mal im Januar 1941 vor ca. 400 Kriegsgefangenen auf.

„Das Werk verwirrte einen großen Teil des Publikums“

Henri Akoka

Die Zuhörer der Uraufführung waren von der Musik Messiaens verwirrt. Gewohnte Harmonien und Rhythmen fanden sich so gut wie gar nicht, die ungewöhnliche Instrumentation führte zu irritierenden Klangfarbenkombinationen und auch eine klare Aussage blieb den meisten verborgen. „Ein gleichmäßiger Takt hat kein Leben“ erklärte Messiaen damals. Und: „Während des Krieges hat es genug links, 2, 3, 4 gegeben“. Statt sich an musikalische Formen zu halten, ließ sich Messiaen stattdessen von der Natur inspirieren, insbesondere von Vögeln. Der dritte Satz des Quartetts, Abîme des oiseaux, zeigt mit einem Solo für Klarinette, wie für Messiaen die Belastungen der Gefangenschaft mit den Gesängen der Vögel zusammengehörten.

Radikale Rekonstruktion

Der zweite Teil des Abends in Oberhausen bot wesentlich mehr freudige Anekdoten. John Cage trat auf die Bühne und wurde zum Meister des Verrückten. „John, Sie haben absolut kein Gefühl für Harmonie“ soll Pierre Boulez einmal gesagt haben. Cage kümmerte das wenig und beschloss, seine Musik aus Geräuschen zu entwickeln.

„Die höchste Absicht ist, überhaupt keine Absicht zu haben“

John Cage

 

Musikalisch begleitet wurde die vierte Etappe der The Rest is Noise Lesereise erneut von einigen ausgewählten Musikern der Bochumer Symphoniker. Das Oberhausender Publikum hörte vier Teile des Quatour pour la fin du Temps sowie John Cages Three² für drei Schlagwerker. Beides Werke, die an jeden einzelnen Musiker durch ihre scheinbare Formlosigkeit besondere Anforderungen stellen. Besonders begeisternd war Klarinettist Andreas Weiß, der mit dem Solo Abîme des oiseaux eine eindrucksvolle Virtuosität bewies. Starke, volle Töne wechselten sich mit absoluten Pianissimi und intensiven Crescendi ab, und zeigten, dass auch ein einzelnes Instrument eine große Spannbreite an Gefühlen ausdrücken kann.

Mit nervenzerreißender Spannungsmusik und Gefühlsverwirrungen durch die sehr verschiedenen Lebensgeschichten der beiden Komponisten Messiaen und Cage schaffte somit auch Etappe 4 der Lesereise, mich und den Rest des Publikums zu elektrisieren. Eine Zuschauerbefragung zeigte dies mit absoluter Deutlichkeit:

Verkehrte Welt

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

 

Ein ganz normaler Abend im Theater Dortmund: An der Abendkasse nehme ich meine Karte in Empfang, dann geht’s zu den Garderoben und dann in den Saal – äh nein, doch nicht. Verwirrte Gesichter bei den Besuchern. Anstatt wie üblich in den Saal gelassen zu werden, müssen wir durch eine Hintertür wieder raus – in die Eiseskälte, ohne Mantel, denn der ist ja jetzt an der Garderobe.

Zum Glück sind es nur wenige Schritte über den Hinterhof des Theaters, dann dürfen wir wieder nach drinnen. Was wir nun zu sehen bekommen ist spannend, wir befinden uns nämlich Backstage. Man könnte es auch Kulissenlager-Rumpelkammer nennen. Glanz und Glamour sucht man hier vergeblich.

Wenige Schritte weiter stehen wir plötzlich auf der Bühne. Mit freiem Blick in den Publikumssaal. Auch spannend. Das also sehen die Schauspieler normalerweise von der Bühne aus – naja fast, denn jetzt ist der Saal ja leer. Das Publikum nimmt an diesem Abend stattdessen auf ordentlich aufgereihten Stühlen auf der Bühne Platz. Verkehrte Welt!

Genau wie hinter der Bühne sieht es auch „On Stage“ eher weniger elegant aus. All das, was die Besucher sonst nicht zu sehen bekommen, scheint mehr praktisch als schön. Aber gut zu wissen, dass es auf der Bühne des Theater Dortmund gleich mehrere Feuerlöscher gibt. Einen tragischen Theaterbrand, wie sie im 19. Jahrhundert regelrecht in Mode waren, will man hier wohl vermeiden.

Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

Friederike Tiefenbacher als Alex Ross – Foto: Christoph Sebastian, Ruhrtriennale

 

Zensur in der Musik

„Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, mein Name ist Alex Ross.“

Bereits zum dritten Mal werden wir auf die gleiche Weise willkommen geheißen, auf einer der sechs Bühnen des Ruhrgebiets, die sich für die The Rest is Noise-Lesereise zusammengetan haben. Ein dritter Alex Ross, diesmal verkörpert von Friederike Tiefenbacher, führt uns durch die Geschehnisse. Und wieder sind es andere Komponisten, Politiker, Unternehmer und Journalisten, die uns auf der Bühne begegnen.

Der Abend ist zweiteilig. Zuerst treffen wir Dmitri Schostakowitsch, der ein sehr nachdenklicher Typ gewesen zu sein scheint. Schauspieler Frank Genser schaut uns mit dunklen Augen an und erzählt uns von den Hürden, die Komponisten unter Stalins Diktatur in der Sowjetunion zu überwinden hatten. Fast alles wurde damals zensiert, auch Schostakowitschs Musik, das Geld wurde knapp. In seinen Noten hat er trotzdem alles ausgedrückt, was ihn bewegt hat. „Die meisten meiner Sinfonien sind Grabdenkmäler“ soll er einmal gesagt haben – Denkmäler an alle, die wegen Stalin und später wegen Hitler sterben mussten. Vier Musiker der Bochumer Sinfoniker bringen diese Stimmung treffend und kraftvoll mit Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 zum Ausdruck.

Am Fuß des Hollywood-Signs

Teil zwei des Abends geht bedeutend amüsanter zu. Denn nun schauen wir ins Amerika zu Franklin Roosevelts Zeiten. Viele namhafte Komponisten sind nach Hollywood geflüchtet und wohnen Tür an Tür.

„Der Impresario und zionistische Aktivist Meyer Weisgal formulierte es in einem Telegramm an den österreichischen Regisseur Max Reinhardt so: »WENN HITLER EUCH NICHT WILL, NEHME ICH EUCH.« Viele führende Komponisten der ersten Hälfte des Jahrhunderts – Schoenberg, Strawinsky, Bartók, Rachmaninow, Weill, Milhaud, Hindemith, Krenek, Eisler – ließen sich in Amerika nieder.“

(Alex Ross, S. 293)

In Hollywood wurden Komponisten händeringend gebraucht. Denn das neueste Erfolgsrezept – Film mit Ton – brauchte natürlich auch Musik. Und so kommen wir auf der Theaterbühne Dortmund zum Schluss des Abends in den Genuss von „Tom and Jerry“ – mit Musik von Scott Bradley.

Als der Jazz nach Moers kam

Foto: Helmut Berns

 

Moers, eine 100.000 Einwohner-Stadt am unteren Niederrhein, die dennoch Teil des Ruhrgebiets ist. Eine Autofahrt nach Moers endet gefühlt kurz vor der holländischen Grenze, und trotzdem ist die Stadt Moers spätestens seit dem Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 mit dem Ruhrgebiet eng verbunden. Denn damals gehörte das Schloßtheater Moers zu den sechs Ruhrgebiets-Theatern, die mit dem Theatermarathon „Odyssee Europa“ gemeinsame Sache machten. Jetzt sind diese sechs Theater zum ersten Mal seit 2010 erneut vereint – mit The Rest is Noise.

„Die Moerser identifizieren sich auf jeden Fall auch mit dem Ruhrgebiet. Selbst wenn man von dem typischen Ruhrpott-Industrie-Dreck bei uns natürlich nicht viel sieht.“

Annika Stadler – Dramaturgin Schloßtheater Moers

 

Sit back and relax

Bei der zweiten Etappe der The Rest is Noise-Lesereise herrscht im Schloßtheater Moers gemütliche Jazzkeller-Atmosphäre. Ein kleiner, dunkler, urig eingerichteter Raum, die Zuschauer sitzen zum Teil sogar auf der Bühne, Getränke sind nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht, die Schauspieler sind nur wenige Meter entfernt und man kann der Pianistin direkt auf die Finger schauen.

„Das ist eigentlich ein total unspektakulärer aber dadurch sehr direkter Abend. Alle sind nah aneinander dran.“

Dorothea Neweling – Dramaturgin Ruhrtriennale

 

Das Jazzkeller-Feeling passt, denn an diesem Abend beschäftigen wir uns unter anderem mit der Entstehung des Jazz in Amerika. Und für diese Musikrichtung ist die Stadt Moers überregional bekannt. Das Internationale New Jazz Festival Moers besteht bereits seit 1972 und zieht alljährlich wieder Tausende Besucher in das beschauliche Städtchen.

Duke Ellington

 

Unsichtbare

Unsichtbare – Amerikanische Komponisten von Ives bis Ellington: Dieses Kapitel aus Alex Ross’ The Rest is Noise erwacht in Moers zum Leben. Auf der Bühne treffen wir neben Alex Ross unter anderem Duke Ellington, Charles Ives, Aaron Copland und George Gershwin. Und wir dürfen miterleben, wie die Afroamerikaner und ihr Jazz langsam aber sicher in die bisher so behütete Musikwelt der USA einzogen.

 

In seinem Weltbestseller The Rest is Noise erklärt Alex Ross, warum die Musik der Schwarzen damals im weißen Amerika so erfolgreich sein konnte:

„Zunächst einmal klang sie phänomenal. Die charakteristischen Stilmittel afroamerikanischen Musizierens – das Beugen und Aufbrechen der diatonischen Tonleitern, das Verzerren der instrumentalen Klangfarbe, die Überlagerung verschiedener Rhythmen, das Verwischen der Grenze zwischen stimmlichem und nichtstimmlichen Klang – eröffneten dem musikalischen Raum neue Dimensionen, ein Reich jenseits der geschriebenen Noten.“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 144

 

Diese „phänomenale“ Musik bekommen die Besucher des Leseabends in Moers natürlich auch zu hören. Neben Duke Ellingtons In a sentimental Mood auch unter anderem die Musik eines weißen Jazzers: George Gerswins Three Preludes mit Sachiko Hara am Klavier.

 

Achtung: Schönberg!

Teil 2 des Abends verlässt dann aber doch die farbenreiche amerikanische Welt des Jazz und schaut ins Europa der 20er Jahre. Stichwort: Arnold Schönberg.

„Schoenbergs Frühwerke sind für die meisten Hörer eine angenehme Überraschung, weil sie strapaziöse atonale Exerzitien erwartet haben. Die Musik verströmt jedoch einen betörend reichen Klang.“

Alex Ross, The Rest is Noise, S. 64

Doch wie wir wissen blieb Schönberg nicht lange bei solch tonaler Musik. Um aus dem Chaos der kompositorischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts einen Ausweg zu finden, erfand er die Zwölftonmusik – und beschloss, dass seine Musik nicht um jeden Preis verständlich sein müsse.

 

Das Schauspielensemble des Schloßtheater Moers lässt die Zuschauer die Konflikte aus den 20er Jahren aus neuen Blickwinkeln betrachten. So echauffiert sich zum Beispiel Schönberg über die Kritik von Kurt Weill, der die Komponisten damals aufforderte, ihre elitären Irrwege aufzugeben und noch einmal von vorn zu beginnen. »Ihr wollt eine Musik hören, die ihr auch versteht, ohne dass sie euch erklärt wird.« schrieb Weill. Schönberg setzte ein dickes Kreuz neben das Wort „versteht“. Ihn erfüllte es mit großem Stolz, dass seine Musik immer weniger Zuhörer fand.

First impressions

Am 5. November fand im Schauspiel Essen die erste Etappe der Lesereise statt. Unsere Reporterin Franziska Kloos war dabei und hat uns ihre ersten Eindrücke auf den Anrufbeantworter gequatscht.

terzwerk-Reporterin Franziska Kloos

Was war da denn los?

„Mir schwirrt noch der Kopf von Strawinskys Publikum.“ Als sie der terzwerk-Redaktion auf den Anrufbeantworter gesprochen hat war unsere Reporterin scheinbar noch überwältigt von dem Erlebten. Wenig später fragen wir deswegen noch einmal genauer nach:

Franziska, erzähl doch nochmal ausführlicher. Wie genau haben die Schauspieler des Grillo-Theaters die erste Etappe von The Rest is Noise auf die Bühne gebracht?

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Und was haben Strauss und Strawinsky mit dem Ruhrgebiet zu tun?

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Ging es also um die Komponisten oder um deren Musik?

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Das Ganze ist also eine Art Musik-Vermittlungsprojekt, oder?

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Und hast du auch etwas an der Inszenierung auszusetzen?

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Trotzdem warst du von der ersten Etappe ziemlich begeistert. Was ist deiner Meinung nach das Besondere?

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Sinnliche Erfahrungen

Auch Ruhrtriennale-Dramaturg Tobias Staab hat eine ähnliche Vorstellung davon, was die Lesereise erreichen soll:

„Ich glaube, dass Kunst den Vorteil hat eben nicht erklären zu müssen, sondern vielmehr Erfahrungen bereit zu stellen. Wie wir heute Abend gesehen haben ist es immer auch eine sinnliche Erfahrung. Komponisten zum Sprechen zu bringen, oder Tagebucheinträge, das hat immer eine andere Qualität für den Zuschauer oder Zuhörer als dann tatsächlich so ein Musikstück zu hören.“

Weiterhören

Die Lesereise führt hinein in die Leben der verschiedensten Komponisten und vorbei an deren Kompositionen. Wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts geklungen hat kann man nun auch in dieser Playlist nachhören und die Wartezeit bis zur zweiten Etappe verkürzen.

Gemeinsam durch ein Jahrhundert

Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons gehört zu den Musikliebhabern, die von Alex Ross‘ The Rest is Noise restlos begeistert sind. Und deswegen will er das, was wir vom New Yorker Musikkritiker lernen können, auch ins Ruhrgebiet und zu den Ruhrgebietlern bringen.

Umgesetzt hat er diesen Traum mit einer sogenannten „Lesereise“ durch sechs Theater des Ruhrgebiets. Anstatt sich durch den 599-Seiten-Schinken wühlen zu müssen, können wir die musikalische Reise durch das 20. Jahrhundert nun also im Kollektiv erleben. Ein halbes Jahr lang wird einmal im Monat in einem der sechs Theater in Essen, Moers, Dortmund, Oberhausen, Mülheim und Bochum Halt gemacht und aus The Rest is Noise gelesen.

Das Besondere: auf den sechs Bühnen erwachen die Komponisten zum Leben. Die jeweiligen Schauspielensembles bringen die Zuschauer/-hörer mit ihren Verkörperungen von Strauss, Mahler und Co. somit ganz nah an das Leben berühmten Persönlichkeiten heran.

Johan Simons erklärt seine Lesereise

In der WDR 3 Musiksendung TonArt haben Regisseur Johan Simons und Musiker Carl Oesterhelt die Konzeption ihrer musikalischen Lesereise erklärt.

Johan Simons

Das 20. Jahrhundert hören

So untertitelt der amerikanische Musikkritiker Alex Ross seinen Weltbestseller The Rest is Noise. Seine Idee: Entlang der Biografien der Komponisten eintauchen in die historischen Verwicklungen und Schwierigkeiten des 20. Jahrhunderts.

Eine Reise durch ein einflussreiches Jahrhundert also, in dem nicht nur Strauss, Schönberg, Debussy, Schostakowitsch, Cage und viele mehr ihre Sternstunden hatten, sondern welches auch von Revolutionen, Kriegen und Emigrationswellen maßgeblich geprägt wurde. Ein tiefgreifender Einblick in das Leben der großen und kleinen Komponisten des 20. Jahrhunderts, und wie sie von ihrem Umfeld beeinflusst wurden:

„Béla Bartók schrieb Streichquartette, die von dokumentarischen Aufnahmen transsilvanischer Volkslieder inspiriert sind, Schostakowitsch arbeitet an seiner Leningrader Symphonie, während deutsche Geschütze die Stadt beschießen, John Adams komponier eine Oper mit den Figuren Richard Nixon und Mao Zedong.“

Alex Ross

 

Der Buchtitel The Rest is Noise spielt darauf an, dass die Musik, die nach 1900 komponiert wurde, keinen guten Ruf hat. Viele Werke der sogenannten „Neuen Musik“ klingen fremd – manchmal sogar verstörend oder eben wie Lärm. Deswegen ist es oft nur ein harter Kern von Musikliebhabern, die sich gerne darauf einlassen, ihre Hörgewohnheiten zu verändern. Alex Ross will das ändern und mit seinen Einblicken in das Leben der Komponisten einige Vorurteile aus dem Weg räumen:

„The Rest is Noise ist nicht nur für diejenigen geschrieben, die sich in der Klassik bestens auskennen, sondern auch und gerade für die, die ein gelegentliches Interesse für das obskure Rumoren am Rande des kulturellen Spektrums verspüren.“

Dabei fordert der Autor auf, sich während des Lesens auch mit der Musik zu beschäftigen. Passende Hörbeispiele hat er dafür auf seiner Website www.therestisnoise.com gesammelt.

Die Idee lässt die Kassen klingeln. Die Kritiker sind begeistert:

„Wozu gutes Wetter, solange es solche Bücher gibt?“

(Stern, 2009)

„Eine musikpublizistische und kritische Tour de force, äußerst kenntnisreich und ein Lesevergnügen seltener Güte.“

(Kulturradio, 2009)

Die Termine:

5. November 2015 Schauspiel Essen
3. Dezember 2015 Schlosstheater Moers
21. Januar 2016 Schauspiel Dortmund
4. Februar 2016 Theater Oberhausen
17. März 2016 Theater an der Ruhr
7. April 2016 Schauspielhaus Bochum